Travelling without moving – Zugfahren in Tokio

Tokio. U-Bahn. Rush Hour. Gleich an meinem ersten Morgen in Japan hatte ich dieses sehr spezielle Vergnügen. Mein Rucksack war auch dabei. Ich bin morgens gegen 7:30 in den Zug gestiegen. Der Zug war schon voll, als er ankam. Also, für mein Empfinden war er voll. Für Tokio wohl der geräumigste Zug der Welt. Aber wir haben ja gerade erst angefangen Leute rein zu stopfen.

Die Menschen in Tokio haben einen besondere Stil beim Einsteigen. Man geht gerne rückwärts in den Zug. So muss man niemanden wegdrücken, sondern nur sich selbst rein drücken. Das ist wie mein Pogo-Tanzen im Mosh Pit. Immer mit dem Rücken zuerst in die Krawallmasse rein springen, dann kriegt man auch keinen Ellbogen ins Gesicht. Oder zumindest nicht so leicht. Neben dieser Einsteigetechnik gibt es außerdem noch Polizisten/Ordnungskräfte, die an den Türen stehen und die Leute von außen reindrücken.

Für Menschen mit Platzangst ist das natürlich nichts. Höchstens als Therapiemaßnahme zur Angstbewältigung. Im inneren des Zuges kommt man sich vor wie eine Ölsardine, deren Dose gerade von einem 40-Tonner überfahren wurde, sich im Reifenprofil verfangen hat, während dieser gerade auf der Schnellstraße beginnt zu beschleunigen. Ich fand das ja ganz geil irgendwie. Man verliert komplett die Kontrolle über seinen Körper. In dieser komprimierten Masse bewegt man sich ganz von alleine. Dieses Gefühl. Man steht ja eigentlich auf seinem Platz. Und dann steht man plötzlich woanders. Ohne irgendwas dagegen tun zu können.

Ich fand das noch nicht mal unhöflich (in Japan ist alles immer sehr höflich, selbst das Gedränge in der U-Bahn von Tokio). Also es hat sich nicht so angefühlt, als ob da nun dieser Arsch von hinten in die Masse reindrückt und alles durcheinander bringt. Man steht sowieso schon so eng beieinander, dass man sich nicht mehr bewegen kann. Alle Menschen sind zu einem Klumpen verschmolzen und die einzige Bewegung geht vom kollektiv aus.

Für mich war das eine recht lustige Erfahrung, aber ich brauch das nicht jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit. Eine andere Geschichte zu dem Gedränge in Tokio ist, dass manche Herren diesen Umstand ausnutzen und Frauen befummeln. In dem Gedränge weiß man meist nicht, woher die Hand kommt, weil so viele Menschen um einen herum stehen und es so eng ist. Meine japanischen Bekanntschaften haben mir erzählt, dass jede Frau in Tokio mindestens einmal diese Erfahrung machen musste. Das ist nicht schön, für die betroffenen sehr unangenehm. Daher sind die ersten beiden Wagons zur Rush-Hour für Frauen reserviert. Das macht total Sinn.

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