Höhenangstbewältigung

Brücke Anden Höhenangst
Brücke Anden Höhenangst

Ich besitze eine Fünf-Jahres-Plan in meinem Kopf. Dieser beinhaltet neben einem Unternehmen gründen, meine Oma besuchen, ein Holzhaus im Wald bauen, Weltherrschaft, Kinder kriegen, LSD nehmen den Kräuterkrustenbraten von Jamie Oliver machen, Half-Life 2 mit allen Addons durchspielen, Swingern gehen, den berühmten Pamyr Highway durchknallen und einmal um die Welt trampen, auch, dass ich gerne hochalpines Bergsteigen und anspruchsvolle Klettertouren gehen möchte. Problem ist nur, dass ich seit kindestagen Höhenangst habe. Aber Angst überwindet man ganz gut mit Konfrontation.

Erster Akt: Mastklettern auf dem Atlantik

Unser Hauptsegel hatte sich in der Winde verklemmt und wir konnten es seit dem ersten Tag nicht wirklich nutzen. Irgendwann kam die Entscheidung, dass wir das Teil reparieren. Mitten auf dem Meer. Eigentlich macht man sowas ja im Hafen, aber der war mehrere Tage segeln entfernt. Also mussten wir ran. Meine beiden Frenchies und ich waren aufgrund unsere geringen Gewichtes in der näheren Auswahl. Vielleicht hatte Chris aber auch einfach nur Schiss. Da Victor noch etwas kleiner als ich war und irgendwer in hochkurbeln musste, sattelten wir ihn in den Klettergurt und ich durfte in unter högschter Kraftanstrengung die 20m+ den Mast hochziehen. Er machte einen guten Job, allerdings hatten wir am nächsten Tag Probleme mit den Antennen, die uns Löcher in das Segel rissen. Also nochmal jemand hoch. Diesmal durfte ich ran. Ich war nicht sehr enthusiastisch, wenn gleich doch ziemlich aufgewühlt von dem Gedanken, diesen Mast in mitten des Atlantiks zu klettern. Lea erkannte das (Danke dafür!) und und gab mir den letzten Ruck („Go! You want to!“) mich nach dort oben zu bewegen.

Mastklettern auf dem Atlantik.
Mastklettern auf dem Atlantik. Da unten bin ich! Am nächsten Tag haben wir Rollen getauscht.

Es war ein echt schwieriger Job. Das Boot wurde ständig vom starken Wellengang hin und her geschleudert und auf dem Mast ist die Bewegung natürlich ungleich größer. Hin und Her….Hin und Her. Hinzu kam, dass das Segel immer wieder unangenehm aus schlug und mir das Leben zur Hölle machte. Zur gleichen Zeit musste ich an den Antennen herumschrauben, mich am Mast festhalten und aufpassen, dass ich nicht wie ein Boxsack meine Balance verliere, eine Runde drehe, um unsanft gegen den Mast geschleudert zu werden. Das war aber alles noch auszuhalten, wenn da nicht die Höhenangst gewesen wäre.

Auf dem Weg nach oben hatte ich schon Schnappatmung. Und das kam nicht nur von dem Fakt, dass ich wie ein kleines Äffchen am Mast empor kletterte, damit Victor nicht soviel zu kurbeln hatte. Das war ungefähr wie eine kalte Dusche nehmen. Als ich an der ersten Antenne angekommen war und mich auf die Träger setzen konnte, verkrampfte ich meine Beine so gut es ging. Die Hände brauchte ich ja zum Arbeiten. Ich merkte nichts, hatte aber am Tag darauf eine Menge blauer Flecken an den Oberschenkeln. Das Adrenalin tut sein übriges, damit man nichts mehr merkt. Neben Schnappatmung und einer Aufgeregtheit, wie vor meinem ersten Zungenkuss, kamen immer wieder kleine cholerische Anfälle dazu. Entweder weil diese verdammte Schraube nicht rausging, eine große Welle das Boot traf oder Chris mal wieder das Segel nicht im Wind halten konnte. Ich belegte das mit lautem Fluchen und es half mir sehr gut in dieser Situation. Es war harte Arbeit, irgendwann konnte ich wieder runter. Meine Knie zitterten, ich war völligst fertig mit den Nerven, aber auch ein sehr gutes Gefühl, dass ich mich dieser Herausforderung gestellt hatte.

Zweiter Akt: Der Turm in der Ruinenstadt

Turm in Villa Epecuan
Turm in Villa Epecuan

Ich war in dieser versunkenen Stadt in Argentinien und genoss das postapokalyptische Panorama. Es regnete, ich war alleine für mich zwischen all den Ruinen und rauchte eine Zigarette, als dieses Objekt meine Aufmerksamkeit erregte. Es war eine Art Wasserturm, glaube ich. Mit Stufen. Und hoch. Ich bekam sofort wieder schwitzige Hände, aber ich musste es einfach probieren. Ich stieg die Leiter goch. Ich glaube auf ca. 3m kam dann die Angst. Und das über mir zwei Stufen rausgebrochen waren, half meinem Selbstvertrauen nicht unbedingt. Ein anderes Problem war, dass der Turm leichten Überhang hatte und das zum Hochklettern nochmal ein ganz anderes Gefühl vermittelt. Da auch niemand sonst da war und ich nicht mit gebrochenen Gliedmaßen in diesem gottverlassenen Ort verhungern wollte, brach ich ab. Ich hatte es nicht geschafft meine Angst zu überwinden. Und ich ärgerte mich darüber..

Dritter Akt: Bouldern in der Atacama Wüste

Mit meinem amerikanischen Freund Andrew und seiner Freundin brachen wir auf eine 3.tägige Tour durch die Atacama Wüste auf und es standen unzählige Lagunen, Geysire und berühmte Szenerien aus den Bildern von Salvador Dali auf dem Programm. Und Felsen. Schöne, große Felsen, die nur darauf warteten, erklommen zu werden. Die übliche Boulderhöhe von 4m haben wir weit überschritten. Es war auch nicht ganz ohne, weil man natürlich ohne Sicherung auf diese Kolosse hoch ist, aber vom Schwierigkeitsgrad absolut nicht zu vergleichen mit Routen, die man normal in der Halle bouldert. Am zweiten Tag unserer Uyuni-Tour drehten Andrew und ich etwas frei und erklärten die Wüste zu einem Kletter-Spielplatz für Erwachsene.

Turmbesteigung in der Uyuni Wüste
Turmbesteigung in der Uyuni Wüste

Zweifelsohne meine größte Errungenschaft war eine Art Schornstein, der wohl zum backen genutzt worden war. Wir hatten vorher schon einige große Felsen erklommen, die leicht zu besteigen waren. Dieser war etwas schwieriger beschaffen. Ich stieg an einer der langweiligen Lagunen aus dem Auto und sofort fiel mein Interesse auf dieses Gebilde. Erst dachte ich: „Da kommst du nie hoch.“ Bei näherer Inspektion fand ich allerdings gute Griffe und Tritte und musste es einfach probieren. Sowas wie in Argentinien sollte mir nicht nochmal passieren. Ich hasse es, Sachen zu bereuen. Das Objekt ansich war nicht sehr hoch, vielleicht 5-6 Meter. Aber es war steil. Und es hatte ein Loch in der Mitte. Eine Art Schornstein eben. Ich meisterte es. Wurde total dreckig dabei. Egal. Andrew kam wenig später auch hoch. Wir waren den ganzen Tag gemeinsam am klettern, das hat großen Spaß gemacht.

Ein paar Lagunen später hat er es allerdings etwas übertrieben. Wieder kamen wir an einem Ort schönen griffigen Felsen an und begannen unsere ganz eigene Expedition. Da war dieser eine Brocken. Er sah sehr verlockend aus. Schönes Profil zielmich hoch. Ich bin an ihn herangetreten und hab ein paar Schritte versucht, allerdings war der Sandstein nicht sehr vertrauenswürdig. Wenn ich eine Sache vom Bouldern am Felsen weiß, dann dass manche Gesteine zum Abbrechen neigen und nicht stabil sind. Aufpassen. Andrew ist trotzdem hoch. Hab ihn garnicht aufsteigen sehen, nur irgendwann stand er auf dem höchsten Punkt und winkte. Hoch geht immer. Runter ist aber eine andere Sache.

Beim Abstieg passierte dann, was ich schon befürchtet hatte. Auf 6m Höhe trat Andrew auf einen Stein und der löste sich. Großes Geschrei von den umliegenden Zuschauern „Peligroso, Peligroso!“. Andrew konnte sich noch halten, war aber erstmal geschockt. Natürlich bin ich sofort hin und hab angefangen mit ihm über den Abstieg zu diskutieren und ihm etwas Ruhe und Sicherheit zu vermitteln. Ich hab mich unten positioniert um ihn eventuell zu spotten, falls er doch die Biege macht. Dabei geht es nicht darum, den Fallenden aufzufangen, aber ihn wenigstens so zu stossen, damit er nicht auf seinen Kopf landet. War zum Glück nicht nötig, oblgeich Andrew die letzten zwei Meter mit einem ordentlichen Sprung nach unten überbrückt hat, da schon wieder ein Stück Felsen abbrach. Leichtsinnig und Gefährlich. Aber no guts, no glory.

Vierter Akt: 40m+ auf eine freistehende Antenne klettern

Antenne, bereit zur Besteigung.
Antenne wird gerade von meinem Kumpel Manny bestiegen. Wer kann ihn sehen?

Ein schöner Tag im kolumbianischen Hinterland. Wir hatten gerade eine kleine Siesta gemacht und ich wollte mit meinem Freund Manny und Ruben, den wir am Tag zuvor kennenlernten, eine Runde spazieren gehen und die Gegend erkunden. Ich gab eine Richtung vor und wie liefen los. Der Weg führte durch den Wald. Wir liefen eine Zeit lang und kamen letztendlich auf diesem wunderbaren Hochplateau heraus. Die umliegenden Täler eröffneten sich uns. Es waren mehrere große Antennen auf dieser Bergspitze und ein kleiner Wachturm vor dem stacheldrahtumzäunten Gelände lud zur Besteigung ein. Dort war diese eine Antenne, ohne Technik, jedoch mit einer schönen Plattform an der Spitze. Mein Interesse war geweckt und meine Angst ebenso.

Ich stieg runter ohne den Anderen zu sagen, wo ich hin ging. Ich wollte die Umgebung erforschen. Wollte sehen, ob man den Zaun vor der Antenne überwinden kann. Um ehrlich zu sein: Eigentlich wollte ich nur einen Grund haben, dieses Projekt nicht anzugehen und unüberwindbare Hindernisse vor zu finden. Leider war da überhaupt kein Zaun um die Antenne. Mhm. Ich stand unter der Antenne und blickte diese Leiter hoch. 40M, vielleicht mehr. In mir kämpfte es. Ich wollte unbedingt, aber ich hatte solche Angst. Die anderen Beiden kamen irgendwann nach und wir standen gemeinsam am Fuße. In solchen Momenten bin ich dem Gruppendruck sehr dankbar, dass er da ist. Auch das Bedürfnis nun etwas Beweisen zu müssen. „Let´s go.“, war das knappe Kommando von Manny und mir wurde klar, nun gibt es kein zurück mehr. Wie das Erste mal vom 3m Brett springen und hinter dir stehen all die anderen wartenden Kinder und der Bademeister macht schon ausfallende Handbewegungen.

Wer geht als Erstes? Der Turm war nicht sehr vertrauenerweckend für eine Besteigung von drei Personen. Ich wollte natürlich als Erstes. Das hat einen praktischen Grund, weil mich meine Aufregung sonst umgebracht hätte. Ruben kam hinter mir her. Es gab kurz vor der Hälfte eine kleine Plattform, welche als erste Rast diente. Und als ich mich dort gelähmt von Angst nieder lies, war klar, dass ich wieder runter gehe. Das konnte ich nicht machen. Es war schon hier viel zu hoch. Ich war schon total fertig. Ich sagte Ruben, dass wir da nicht hoch können. Er schaute die Leiter nach oben, stellte fest, dass es nicht mehr weit war und meinte nur: „Aber wir müssen!“, bevor er sich wieder in die Stufen schwang und nach oben kletterte. Okay, wir müssen. Das war Logik, die man einfach akzeptieren muss. Und ich danke ihm dafür, weil ich mich ohne nachzudenken anschloss und mit ihm den zweiten Teil in Angriff nahm.

Die Leiter war lang. Meine Arme begannen zu schmerzen. Solche Höhen sollte man nicht unterschätzen. Es ist durchaus anstrengend dort hoch zu klettern, auch wenn es auf einer Leiter ist. Alles begann zu zitter. Meine Schritte wurden langsamer. Durchhalten. Irgendwann erreichte ich die Plattform, welche sich im starken Wind sanft hin und her bewegte. Ich schaute mich kurz um, hielt mich am Geländer fest, deutete auf meine zittrigen Knie und lies mich auf die spärlich schmale Fläche nieder, um mir das maximal mögliche Gefühl der Sicherheit zu geben, das an einem solchen Ort möglich war. Und dann….die Panik.

Rational gesehen haben wir zwei Hände, zwei Füße zum Festhalten und unter normalen Umständen besteht dort keine Gefahr. Aber erzähle das Bitte meiner Höhenangst. Es kam in Schüben. Und es kam so heftig, dass mir ganz schwummerig wurde. Ein starkes Gefühl von Panik und Angst. Überwältigend. Lebendig. Ich atmete außerordentlich schnell, mein ganzer Organismus war auf 180. Diese Manifestation der Angst zeigte sich als schmerzliches Gefühl in der Mitte meiner Brust. Hallo Höhenangst, so siehst du also aus. Ich stellte fest, dass es bei mir weniger um die Höhen, sondern eher um das vertikale Ende von Objekten geht, welches mich so zum ausrasten bringt. Und auch das Gefühl, dass ich mich jederzeit in den Tod stürzen könnte. Bewusst. Suizidale Nebenerscheinung. Ich kenne das ja schon seit meiner Kindheit. Und auch jetzt beim Schreiben habe ich schon wieder schwitzige Hände.

Zum Glück beinhaltet das menschliche Dasein genug Verdrängungsmechanismen, um solche Panikzustände zu meistern. Ich hab mir immer wieder auf den Horizont geschaut, das half. Und ich hatte ein Mantra: „Du bist sicher, alles ist gut.“, womit ich mich versucht habe zusammen zu reissen. Das hat auch funktioniert, bis dann wieder eine andere Stimme in meinem Kopf schrie: „NEIN ES IST VERDAMMT NICHT GUT, ES IST VERDAMMT HOCH UND DIESER SCHEISS BEWEGT SICH VOM WIND!!!“. Als ich durch den Leitertunnel nach unten blickte, beruhigte mich das etwas, weil ich dort die Erlösung meiner Qualen erahnte. Also Abstieg.

Treppe der Antenne nach unten. Keine Spur von Höhenangst bei diesem Anblick. Eher Erlösung vor Augen.
Treppe der Antenne nach unten. Keine Spur von Höhenangst bei diesem Anblick. Eher Erlösung vor Augen.

Aber nicht bevor ich noch einen Selfie mit Ruben gemacht habe. Wir hatten also eine kleine Fotosession, die immer wieder von Panik unterbrochen wurde. Jede kleine bitte von Ruben („kannst du mir die Kamera geben, kannst du ein Foto von mir machen“) brachte mich aus dem Konzept und ich musste wirklich mit mir kämpfen, diese kleinen Aufgaben zu erfüllen. Wenn man so unter Stress steht, dann brauch man volle Konzentration um nicht durchzudrehen. Letztendlich musste dann der Abstieg eingeleitet werden. Keine weiteren Fotos. Und unten…..der Erfolg. Für mich war es ein Erfolg. Ich hatte mich meiner Angst gestellt und ich dankte meinen beiden Kollegen für die (unbewusste) Unterstützung. Umarmung. Freude. Stolz wie bolle.

Manny ging danach alleine rauf und davor hatte ich immensen Respekt. Und als wir alle drei so rumstanden und uns erleichtert über diese Errungenschaft austauschten, tauchten zwei Kolumbianer mit einem Mädel auf. Sie gingen zielstrebig zur Leiter und erklommen dann ebenfalls den Turm (bis auf das Mädel, sie hatte etwas Angst). War anscheinend ein recht beliebter Ort für solcherlei Mutproben. Rückblickend würde ich gerne nochmal hoch und sehen, ob sich etwas in meinem Gefühl verändert hat.

Rooftop Climbers in Rußland

Grundsätzlich mache ich das als Vorbereitung auf das Klettern. Aber ich hab auf meiner Reise schon viel Spaß mit urbanen Gebäuden gehabt um Schlafplätze zu finden, Balkone von jungen Damen zu erklimmen oder einfach nur Bushaltestellen zu besteigen und Menschenmassen zu beobachten. In Rußland gibt es eine Community von Rooftop Climbers die Brücken, Antennenmasten und anderen sehr, sehr hohe Gebäuden erklettert. Meist illegal. Ohne Sicherung. Für den Adrenalinkick und den Fame. Ich bin ja sowieso etwas russophil. Aber diese Jungs (und Mädels) haben meinen högschten Respekt. Ich euch daher dieses atemberaubende Video empfehlen. Zwei russische Roofclimber, die das zweithöchste Gebäude der Welt besteigen. Gänsehaut. Absolute Freaks!

1 Comment

  • Respekt!! 🙂 Sich so der Angst immer wieder zu stellen.
    Ich kann es super gut nachvollziehen. Der Anblick bei der Antennentreppe nach unten, holla die Waldfee, da müßte ich ebenso meine Angst anschreien, damit sie nicht ausflippt.
    Ich bin bergvernarrt und habe bereits etliche hohe Berge erklommen. Aber es kam schon vor, dass ich an einem Grat auf einmal mir noch nicht soo bekannte Angst gegenüber stand. Mitten am Grat, hüben drüben steile Wände hinab, kam die sch…. Angst. Ich musste mich zusammenreißen, den Rücktritt anzugehen, sonst würde ich da wohl noch heute kleben. Hinterher ärgerte ich mich auch, aber erst als das Sicherheitsgefühl verblasste. Allein schon bei einer Hängebrücke, hab i voll schiss.
    Diese Angst unter Kontrolle zu bringen, ist die Kunst. Deshalb Respekt vor deinem ständigen Mut. 🙂
    Sonnige Grüße
    Conny

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