Grenzpaketschmuggeln in den Iran

Grenzpaket Iran
Grenzpaket Iran

Grenzübergänge sind immer eine Sache für sich. Kann schnell gehen. Kann länger dauern. Fast immer irgendwelche Menschen Vor-Ort die halbseidene Geschäfte durchführen. Als ich an die azerbaidschanisch-iranische Grenze kam, habe ich überall am Straßenrand diese Pakete rum stehen sehen. Ein erster Mann spricht mich an, ob ich eines dieser Pakete mit über die Grenze nehmen will. Gibt auch Geld dafür. Ne, lass mal, gerade keinen Bock. Wie, du willst kein Geld? Richtig. Ich wollte eher meine Ruhe. Das ging dann drei mal so, noch bevor ich am aktuellen Grenzübergang angekommen bin.

Dort war gerade das Tor geschlossen. Eine große Menschenmasse, schätzungsweise 70-80 Personen, hatte sich schon wartend versammelt. Neben mir erschien auf einmal ein sehr großer Mann. Typ persischer Ringer. Glatze, bärenartige Statur. Unfreiwillig erschienen ausgekugelte Arme und halb abgerissene Ohren in meinem Kopf. Einer dieser Menschen, die durch ihre Erscheinung bewirken, dass man erstmal zuhört, was die denn zu sagen haben. Und ihr zeigt bedingungsloses Verständnis für alles, was dieser Mensch zu sagen hat. Auch wenn man kein Wort versteht. Meine „Geh-weg-mit-deinem-Paket-und-lass-mich-in-Ruhe“-Haltung wandelte sich umgehend. Ich tue, was in meiner Macht steht, um der Lokalbevölkerung einen Gefallen zu tun. Ich konnte es gar nicht abwarten, dieses, was auch immer es war, über die Grenze zu bringen, wenn das nur bedeuten würde, dass diese schreckliche Gestalt dafür verschwindet und mir nichts antut. Ich hätte das Ding sogar ohne Geld mit rüber genommen.

Pakete Iran
Mit Paket in den Iran. Ich war nicht der einzige.

Man drückte mir anschließend dieses Paket in die Hand und dann wurde ich von meinem neuen Freund in die Menge gepresst. Die Leute sahen, dass ich nun als Paketschmuggler arbeitete und alle fingen an zu johlen und zu applaudieren, als wenn der neue Popstar gelandet wäre. Hallo auch. Ich stand nun etwas weiter vorne und alle warteten darauf, dass die Schleusen sich öffnen würden. Das passierte auch alsbald und der Wahnsinn brach los. Junge Männer kletterten über die Geländer und sprangen in das herumstehende Menschenmaterial, als wollten sie Stage Diven. Nur um ein paar Plätze in der Schlange gut zu machen. Pogo Riot an der Grenze.

Ich beteiligte mich natürlich nicht daran und nahm anständig, pflichtbewusst und deutsch in der Männer-Schlange Platz, nachdem auch ich über das erste Geländer geklettert war, um wenigstens ein paar Alte und Kinder hinter mir zu lassen. Und so stand ich dann da. Und da war dieses Paket. Ja, was war das eigentlich für ein Paket? Heroin? Oder doch Waffen? Ich war nun dafür verantwortlich, musste es in den Iran kriegen und dort irgendwem übergeben. Alles sehr fadenscheinig. Aber jeder hatte dort so ein Paket in der Hand. Daher schien das okay. Mir wurde erklärt, es handele sich um Sandalen.

Paket schmuggeln an der Grenze
Eine Menge Trubel am Grenzübergang

Neben uns stand die Frauenschlange, leider auf der Sonnenseite des Lebens. Der prallen Sonnenscheinseite, um genau zu sein. Eine Dame wurde ohnmächtig beim Warten. Ich hab mit ihr mein Wasser geteilt, weil ich der Einzige war, der irgendwas zu trinken dabei hatte. Aber natürlich hätte ich mein Wasser auch geteilt, wenn das nicht so gewesen wäre. Die Kontrollen liefen auf jedenfall langsam. Irgendwann kam ich in das zuständige Gebäude, wurde als Ausländer erkannt, durchgewunken und freundlich von den Grenzbeamten begutachtet. Danach ging es auf die iranische Seite.

Mein Paket sorgte bei den Iranern für Belustigung und Kopfschütteln zugleich. Ein bißchen nach dem Motto: „Oh, jetzt haben sie sogar diesem Touri so ein Paket in die Hand gedrückt.“ Ich stellte mich gewohnt dumm und naiv, zeigte mein „kann-ich-ja-nix-dafür“-Schulterzucken und kam unbeschadet durch die Kontrolle. Und dann begann das Umtauschbusiness, was mir nicht hätte egaler sein können. Ich hab einen Begleiter an der Hand gehabt, der auch ein Paket hatte und für meine Bezahlung sorgen konnte. Ich hätte dieses Paket auch einfach in den Müll geworfen, oder im Röntgengerät liegen gelassen. Laut meinem Begleiter musste ich den Lohn bekommen, der mir zustand. Mein Verhandlungsgeschick war von fehlendem Geschäftssinn und Überlebensinstinkt außer Gefecht gesetzt. Geld hab ich schließlich auch bekommen. Umgerechnet einen Euro. Menschen sind ja doch irgendwie ehrlich und gerade die Perser sind Geschäftsmänner durch und durch. Schließlich hat vor der Grenze dieser fleischgewordene Massenmord auch meine Hand geschüttelt. Der Vertrag kam somit zustande. Aber Hände schütteln, das sollte ich noch lernen, können die Menschen nirgendwo so gut auf der Welt, wie im Iran.

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