Und dann kam der Regen – Urbanes Campen in Buenos Aires

Es war schon recht spät heute, Abends um Sieben. Ich war obdachlos in Buenos Aires. Schlaf ich eben irgendwo in der Stadt. Gute Idee dachte ich. Noch eine Flasche Wasser im Kiosk gekauft und durch Puerto Madero getigert, das „Bankenviertel“ von Buenos Aires. Grundsätzlich hab ich kein Problem mehr irgendwo draußen zu schlafen. Städte sind allerdings sone Sache. Aber ich finde langsam gefallen daran.

Gestern Nacht bin ich um vier Uhr in BA angekommen in Moreno, einem der Vororte, wo man lieber nicht hin will. Wir sind mit dem LKW immer tiefer ins Molloch hineingefahren. Zwischenzeitlich die Straßen voll mit jungen, betrunken und bedrogten Menschen. Die Mädels sahen alle aus wie Prostituierte, ist anscheinend in Mode dort. Ich hatte etwas Kommunikationsschwierigkeiten mit meinem Fahrer, wusste nicht wohin er fährt und wir sind eben immer tiefer ins Elend gekommen.

Irgendwann musste ich dann aussteigen, nahe einer Bahnstation. Nach etwas rumlaufen hab ich ein unfertiges Haus gefunden. Besser gesagt ein Betonskelett. 3 Ebenen, eine Treppe, kein Zaun von der Seite. Ein famoser Schlafplatz. Trocken (es regnete), über den Köpfen des Nachtvolkes und sauber. Prinzipiell kann man in der Stadt immer eine gemütliche Ecke finden. Manchmal ist es eben etwas schwieriger.

Heute Nacht dann im Viertel der Reichen. Ich durchquerte einen Park der voll war mit Grüppchen, die kleine Hügel hoch und runter joggten. Alle brav mit Funktionskleidung ausgestattet. Work-Out nennt sich das wohl. Im Park selbst befand sich irgendein Kioskgebäude. Super dachte ich. Kann man ja hochklettern. Ich kletter ab und zu mal auf Gebäude in der Stadt. Das macht Spaß und zu irgendwas muss ich meine Boulderkenntnisse ja nutzen können. Hier fand ich ein schönes Dach. Es war 8 Uhr Nachts und da ich die letzten drei Nächte nur ungefähr sechs Stunden geschlafen hatte, wollte ich heute mal früh ins Bett.

Ich sah schon beim Einschlafen, dass über mir recht viele Wolken auf recht schnelle Art und Weise von A nach B flogen. Kein Dach, naja wird schon gut gehen. Friedlich eingeschlafen. Irgendwann aufgewacht, weil der Wind so laut war. Ich wusste erst gar nicht was los war, aber irgendwas in mir erkannte sofort, dass es nicht gut sein wird. Der Sturm hatte gerade begonnen. Wind wütete durch den Park, der Regen lies es etwas gemütlicher angehen und kam später dazu.

Ich hatte schon beim einschlafen vorgesorgt für eventuelle Regenfälle und alles in Plastiktüten verpackt. Allerdings war ich auf das was da auf mich zukam ganz und garnicht eingestellt. Prinzipiell hab ich ne durchschnittliche Einpackzeit von 2-3 Minuten, da mein Rucksack recht gut organisiert war. Das war in diesem Fall aber nicht schnell genug.

Blätter fegten über die Wiesen und erste Äste zerborsten unter den drückenden Windböen, die sichtlich Spaß an ihrem Dasein als „Vorband“ für den Regen hatten. Ich hab sofort mein Kopfkissen (Tramperanzug) angezogen und den Schlafsack in den Rucksack gestopft. Da hat es aber schon angefangen zu regnen. Als ich meine Schuhe anziehen wollte und von der Isomatte aufgestanden bin, hat diese erstmal das Weite gesucht. Getragen vom Wind, wie ein fliegender Teppich, irgendwo vom Gebäudedach runter.

Sofort Abstieg. Schnell schnell. Schon am Rande des Daches war ich ordentlich nass, weil die Vorband die Bühne verlassen hat und die Hauptvorführung begonnen hat. Der Regen. Platzregen. Starkregen. Nennt es wie ihr wollt, es hat auf jedenfall alles sehr schnell nass gemacht. Als ich endlich den Boden erreicht hatte, kam der Wind auch nochmal für eine Zugabe dazu. Alle auf der Bühne, ich irre orientierungslos durch den Park, finde meine Isomatte nicht und bin recht schnell recht nass.

Ca. eine Minute hab ich noch neben dem Gebäude gestanden. Da war zwar kein Vordach, aber auf der windgeschützten Seite erschien mir meine Existenz doch erstrebenswerter, als im Rest des Parkes. Außerdem musste ich überlegen was zu tun war. Überlegen wo das nächste Dach zu finden war. Und es war keines weit und breit. Also loslaufen, hilft ja alles nichts. Außerdem hab ich ja wasserdichte Schuhe. Die sind an sich auch ganz nützlich, allerdings nicht, wenn das Wasser über den Knöchel in den Schuh läuft.

Das war eine sehr kurze vier Stunden Nacht. Hab allerdings gut geschlafen, muss ich schon sagen. Gerettet hat mich einer der vielen Imbisse an der Wasser-Promenade. Erstmal trockene Klamotten angezogen und eine Zigarette geraucht. Kalt, nass, naja könnte schlimmer sein, dachte ich, gibt ja schließlich Menschen die jeden Tag arbeiten müssen. Ich hab ja nichts zu tun, kann ich also auch die ganze Nacht im Regen stehen.

Irgendwann nachdem ich mich dann von Imbiss zu Imbiss mit Unterstützung von Getränken und Sandwiches vorgearbeitet habe, wurde der Regen schwächer und ich konnte Richtung Stadt laufen. Ich bin noch kein sehr guter Obdachloser. Das ist mir klar geworden, als ich auf dem Weg zum Bahnhof die „Profis“ entdeckt habe, wie sie gemütlich trocken auf ihren Pappen in Häuserecken sitzen und sich mit ihren Kollegen unterhalten. Gegen die bin ich eben doch nur ein Amateur. So ungeschützt im Park schlafen und total vom Sturm überrascht werden, passiert denen mit Sicherheit nicht.

Ich versuchte etwas Nachttrampen. War nicht sehr erfolgreich, hab aber auch nicht dran geglaubt ohne meinen Anzug. Bin ziellos durch die Stadt geirrt. Jetzt ist es 3:37 Uhr und ich bin schon wieder wach. Allerdings nicht irgendwo, sondern in der Lobby des Sheraton Hotels Buenos Aires. Internet, gemütlicher Sessel, kalt und nass, aber naja könnte schlimmer sein. Wenn ich morgen zum Beispiel arbeiten müsste. Aber ich darf auf die Straße und Richtung Chile trampen. Vamos!

2 Comments

  • Hey Stephan….toller Beitrag, man ist gleich mittendrin. So wie Du es beschreibst klingt obdachlos sein fast schon ein bißchen sexy;-)
    Du machst dein Ding, aber pass auch ein bissl auf Dich auf, HoBo 🙂

    • Das Leben ohne Wohnung ist auf jedenfall auf seine eigene Art und Weise einfach. Man muss sich um nichts kümmern und kann immer weiterziehen, wenn man will. Ich finde das ist durchaus ein bißchen sexy. 😉

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