Trampen in… (20) Kasachstan

Polizei in Kasachstan
Polizei in Kasachstan beim Trampen durch das Land

Kasachstan trägt noch viel Charme der ehemaligen UDSSR in sich. Wenn die Menschen nicht gerade Audi oder 2er Golf fahren, dann sieht man Ladas, robuste Kamaz Trucks oder den guten, alten Waz auf der Straße. Da macht Trampen besonders Spaß. Hinzu kommt ein besonderes Feature: In Kasachstan gibt es eine ausgeprägte Trampkultur, die die Fortbewegung sehr sehr angenehm macht. Überall an der Straße stehen Menschen und Trampen. In der Stadt und auf dem Land. Herrlich. Fühlt man sich gleich wie zu Hause.

Statistik

Zurückgelegte Distanz: 4555 km

Anzahl der Lifts: 57

Durchschnittliche Wartezeit: 11 Minuten 56 Sekunden

Standzeit Gesamt: 11 Stunden 20 Minuten

Den Log gibt’s hier. Achtung, der Log enthält ein paar km Trampen durch Bishkek, die ich zu Kasachstan gezählt habe.

Meine Route

Ich bin von der chinesischen Grenze nach Almaty, habe einen kleinen Abstecher nach Bishkek/Kirgistan gemacht und bin anschließend von Almaty nach Aktau ans kaspische Meer getrampt. Route könnt ihr hier einsehen.

Menschen

Kasachen zu beschreiben fällt mir noch etwas schwer. Das Land ist ein kulturelles Konglomerat. Der Ur-Kasache ist blond und blauäugig, habe ich mir sagen lassen. Irgendwann kam dann Dschingis-Khan und hat alle zu Asiaten gemacht. So ungefähr. Wenn ihr durch Almaty lauft, dann ist es schier unmöglich festzustellen, ob euch da nun ein Kasache, Chinese, Deutscher, Russe oder doch Türke gegenübersteht. Die Menschen sehen so unterschiedlich aus. Das fand ich sehr schön.

Die Menschen in Kasachstan wirken generell sehr kumpelhaft und warm. Nicht ganz so roh, wie die Russen. Die Kasachen sind so wie die Kolumbianer der ehemaligen UDSSR. Viele können ein bißchen Deutsch, auch wenn es nur einige Wörter sind. Jeder Zweite fährt ein (altes) deutsches Auto. Man wird schnell zum trinken eingeladen und die Leute scheinen aufrichtig interessiert.

Was mir aber auch aufgefallen ist, dass man in Kasachstan seine Ruhe haben kann. Dadurch das alle irgendwie anders aussehen und niemand wirklich fremd wirkt, konnte ich mich sehr gut assimilieren. Untertauchen im culture clash. Angenehm.

Eine Sache die hier noch angemerkt sein sollte und speziell an die Frauen gerichtet ist, die durch Kasachstan trampen wollen. Das Land kann recht taff werden. Die Männerkultur ist machohaft und ich habe überdurchschnittlich häufig Geschichten von versuchten Vergewaltigungen von Tramperfreundinnen gehört. Ich kann sowas als Mann natürlich nicht wirklich beurteilen, da ich weder dabei war, noch selber belästigt wurde. Und mir liegt es fern hier alle Kasachen in einen Topf zu werfen oder unnötig Angst zu machen. Aber Kasachstan hängt ein wenig der Ruf nach, in dieser Hinsicht gefährlicher als andere Länder zu sein. Sollte man im Hinterkopf haben, aber sich auch nicht übermäßig verrückt machen. Meiner Meinung nach.

Straßen

Tja die Straßen. Das ist ein besonderes Thema in den ehemaligen Sovjet Ländern. Erstmal sollte aber gesagt sein, dass zwischen den großen Städten gut befahrbare, teilweise neue Straßen existieren und die Bewegung hier kein Problem ist. Das kann man allerdings nicht von jeder Region behaupten.

Als ich von der chinesischen Grenze nach Almaty kam, bin ich schon über eine dieser Trümmerstraßen gefahren und das kann mitunter recht anstrengend sein. Was mir dann aber im Landesinneren begegnet ist, war selbst für mich ein neues Level der Apokalypse. Obwohl ich doch so viele beschissene Sraßen dieser Welt abgetrampt bin. Straßen sollen ja den Weg leichter machen und neue Gebiete erschließen. In Kasachstan stellen sie eher ein zusätzliches Hinderniss mit besonderem Feauture dar: Nämlich, dass sie euch den Weg zur Hölle machen und man unter Umständen zu Fuß schneller ist, bzw. lieber den unbefestigten Feldweg vorzieht, der sich neben der Straße entlangschlängelt. Sowas hab ich bisher nur in Post-Sovjet Ländern erlebt.

Ich hatte eine sehr interessante Tramptour von Qyandiyaghasch nach Makat. Drei Autos in 8 Stunden und mitten durch die kasachische Steppe. Die Leute fahren lieber 1000 km Umweg, als sich über dieses 400 km lange Teilstück zu quälen. Völligst zurecht. Die Straße ist vielleicht die schlechteste Straße, die ich je erlebt habe. Aber schön! Lohnt sich. Auf seine Art und Weise.

Ansonsten merkt euch eins: Kasachstan ist fast ausschließlich Steppe. Kaum Berge, manchmal kleine Hügel aber größtenteils weites „Wasteland“. Bis zum Horizont. Ein bißchen wie Argentinien, nur mit weniger Menschen. Hat mir sehr gut gefallen da durch zu ballern. Trampen war nämlich hammer einfach.

Taktik

Gleich am Anfang muss ich eine Lanze für Kasachstan brechen. Ich hatte einen riesen Spaß beim Trampen, weil die Leute einfach verstanden haben, was ich mache. Jedes Auto ist eigentlich ein Taxi, was die ganze Bewegung etwas problematisch macht. Wenn ihr allerdings von Anfang an klar macht, dass ihr kein Geld gebt/habt, dann nehmen euch viele auch einfach so mit. Eine klare Kommunikation ist daher sehr wichtig. Und ein bißchen Russisch Pflicht. Erwähnt auch immer, dass ihr Autostop („Avtostop“) macht, dann verstehen die meisten schon, was Sache ist. Das ist hier auf jedenfall eine andere Nummer, als in China, wo euch alle ungläubig anschauen und denken ihr seid völligst lost. In Kasachstan ist es eher das „Ach, ein Tramper!“-Gefühl.

Zweiter Punkt, den ich sehr genossen habe: Ihr könnt euch quasi überall an die Straße stellen. Manchmal müsst ihr ein wenig laufen, um einen passenden Platz zu finden, aber die Positionierung geht direkt und unkompliziert. Darüber hinaus gibt es gute Auffahrten, bei den großen Kreuzungen und Kreisverkehre in den Städten. Positionierung an Bushaltestellen sollte hier absolut vermieden werden, da die Menschen sonst denken ihr wartet auf einen Bus. Auch weil die Lokalbevölkerung an Bushaltestellen trampt (und dann natürlich bezahlt).

Punkt drei bezieht sich auf das Nachttrampen. Ich Glaube das ging noch nie so gut, wie in Kasachstan. Es gab quasi keinen Unterschied, ob ihr bei Tageslicht oder bei Dunkelheit getrampt seid. Die Autos hielten genauso schnell an. Super super angenehm. Das hat mich wirklich sehr überrascht, aber wahrscheinlich haben hier meine Reflektoren und mein Tramperanzug ihren Anteil getan.

In Kasachstan zu trampen ist easy und straight forward. Einzige Sache, die ihr beachten solltet, dass ihr die Umgehungsstraßen bei großen Städten nutzt. Die gibt es fast immer und für ein schnelles vorankommen ist es notwendig, nicht in den Städten zu landen. Weil da ist Molloch angesagt.

Impressionen

Besonderheiten

Ich hab gesagt Kasachstan sei größtenteils flach, aber an der Grenze zu Kirgisistan gibt es ein paar schöne Berge und in Almaty habt ich eine tolle Aussicht auf eben solche. Almaty ansich ist eine sehr schöne Stadt. Zumindest wenn man auch graue Sovjet Platten steht, was bei mir der Fall ist. Aber vorallem schön, wegen den Menschen. Ich hab die Kasachen als wirklich freundlich empfunden und werde sicher mal wieder hin fahren und Freunde besuchen.

Kulinarisch konnte ich mich gut in Kasachstan einfinden. Neben dem guten alten Plow (Reispfanne) und den allseits erhältlichen Samsa (gefüllte Teigtaschen) haben wir auch eine leckere Sommersuppe mit Kartoffel, Schnittlauch, Eiern und Joghurtdrink sowie Sprudelwasser gemacht. Klingt komisch, schmeckte aber Bombe. Ansonsten gibt es noch Kwas, das ist sowas wie Light Bier, aber eigentlich durch die Gärung von Brot hergestellt und der gute alte Kumis (vergorene Stutenmilch). Nicht für jeden Menschen etwas, aber die Leute dort mögen eher saure Getränke.

Nach Kasachstan kommt ihr entweder durch Rußland, oder Zentralasien, falls ihr von Europa lostrampt. Letztere Route kann u.U. etwas komplizierter werden, da die Visa Vergabe in Ländern wie Usbekistan oder Turkmenistan einer Lotterie gleicht. Ich selbst bin von Kasachstan nach Aserbaidschan gereist und habe ein Containerschiff über das kaspische Meer genommen. War eine lustige Tour, die ich nur empfehlen kann. Für weitere Infos dazu checkt am besten Caravanistan.com – übrigens eine der besten Informationsseiten, wenn ihr in Zentralasien reisen wollt.

1 Comment

  • Immer wieder toll und super interessant deine Tramp-Berichte. Besser kann man es kaum schreiben und zusammenfassen – da würde man sich am liebsten gleich selbst an die Straße stellen. Wenn es dann noch solche exotische Länder sein, umso besser.
    Gerne noch mehr davon. 🙂

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