Drei Tage wach – Trampen durch Kasachstan (2)

Trampen Sovjet Strasse

Es wurde Abend. Trampen lief immernoch gut. Ich wurde von einem Taxi mitgenommen. Nicht das erste mal in Kasachstan. Eine Frau schenkte mir ein halbes Hühnchen und Wurst. Ich merkte, dass ich langsam in problematische Gegenden kam. Zur Nacht hatte ich ein komisches Gefühl. Das war mir alles zu dorfig. Kein Verkehr. Und irgendwann saß ich mit Rassia und Russia im Auto. Typischer Nachtlift. Die Straße wurde mitlerweile sehr schlecht und ich hatte noch 400 km von dieser Piste vor mir. Es war schon 00:00 Uhr Nachts. Kleiner Snack zwischendurch und dann weiter. Wir luden Russia ab und ich fuhr mit Rassia weiter.

Mit ihm und seiner Tochter. Die kleine war vielleicht 3 Jahre alt und schon die ganze Zeit weggeratzt. Die Straße war eine einzige Schlaglochpiste. Ständiges umkurven der schlimmsten Krater, hin und her geschmissen werden im Auto und nicht schneller als 20 km/h fahren. Sowas findet man nirgends in Europa. Und die Kleine pennte tapfer vor sich hin. Sie schlief auch nicht irgendwo, sondern in meinen Armen. Mein Job als verantwortungsbewusster Beifahrer war, das Kind zu halten. Auch mal eine neue Erfahrung. Fand ich aber irgendwie auch schön.

Freunde Kasachstan

Nach diesem Lift kam ich in irgendeinem Kaff an. 03:00 Uhr Nachts. Ein Auto voller besoffener Kasachen nahm mich ans Dorfende mit. Da hab ich erstmal gewartet. Die ganze Nacht. Der Morgen graute schon vor sich hin. Zwei Stunden, bis das erste Auto kam. Mittlerweile schon fast hell. Auto hielt natürlich an. Lift ins nächste Dorf. Dort Sonnenaufgang schauen. Die Straße war so leer. Kein Verkehr. Irgendwie schwante mir schon, dass ich hier nicht auf dem richtigen Weg bin. Einer meiner Fahrer in der Nacht zuvor meinte auch irgendwas von schlechter Straße und kein Straßenbelag und so. Und nicht für Autos passierbar, nur mit den 4×4 Kamaz Trucks. 250 km to go. Kann ja nicht so schwer sein. Ich hatte am Tag vorher 2100 km in 31 Stunden zurückgelegt. Hab schon meine persönlichen Bestzeit für Mittelstrecken vor mir gesehen. Aber mir wurde klar, dass dieser Run nun vorbei war.

Was will man machen. Leere Straßen sind auch irgendwie wunderbar. Die Sonne ging auf. Im Dorf wurde die Schafs und Kuhherden in die Steppe getrieben. Kuhglocken, Hirtengekreische, die warme Morgensonne auf der Haut. Irgendwie war es sehr schön. Aus dem nichts erschien hinter mir ein alter, russischer Truck und fuhr langsam an mir vorbei. Ich hatte keine Lust auf Kommunikation und ignorierte dieses Ding. Er fuhr 20 m weiter und hielt an. Nichts passiert. 5 Minuten stand er da, dann ging der Motor wieder an. Rückwärtsgang rein, an mir vorbei gefahren, Vorwärtsgang rein, wieder an mir vorbeigefahren. Anhalten. Tür geht auf und zwei Jungs steigen aus. Insgesamt waren sie drei, aber der Dritte schlief Seelenruhig im Truck.

Trampen Kasachstan

Die waren natürlich auch besoffen und fuhren zudem, mit einer Hüpfburg auf dem Dach, über die wohl schlechteste Straße, die ich bisher in meinem Leben befahren hatte. War auch der einzige Verkehr an diesem Morgen. Irgendwie ironisch. Wir fingen an zu plauschen. Ich wurde zu Wodka eingeladen, anscheinend wollten die eine Ziege im nächste Ort (für mich?) schlachten. Die Drei waren eine kasachische Version amerikanischen Surferboys. Allerdings besoffen anstatt bekifft und ritten die Wellen des aufgedunsenen Asphaltes mit lieblos zusammen geschweistem Stahl russicher Bauart. Aber immernhin hatten sie eine Hüpfburg dabei. Meinen einsamen Morgen haben sie auf jedenfall sehr erheitert.

Ein Auto kam anschließend und fuhr einfach vorbei. Wieso? Wieso fährt das einzige Auto an mir vorbei? Was ist das für eine Welt? Das war wie ein Tritt in die Eier. Ich fing an zu Laufen. Nach einer Stunde legte ich mich auf die Straße. Immernoch kein Verkehr. Das waren genau zwei Autos in sieben Stunden. Und eins fuhr vorbei. Ich konnte es immernoch nicht fassen. Tja und dann lag ich da in der Steppe, ohne Schatten, ohne Wasser und hab vor mich hin geratzt. Neben mir war ein Straßenarbeiter Stützpunkt und ich hatte dort Menschen gesehen. Die sollten irgendwann wieder da rauskommen und zurückfahren? Es ist meinem Tramperinstinkt geschuldet, dass ich da nicht heute noch stehe.

Ich lag auf der Straße, natürlich hinter der Ausfahrt von diesem Stützpunkt, damit ich keinen Verkehr der Arbeiter verpasse. Dann hörte ich einen LKW, konnte aber nicht sehen wo. Kann aber nur aus diesem Stützpunkt kommen. Sofort bin ich aufgesprungen, einen Hügel hoch gelaufen und sah, dass da was rausfährt. Allerdings über eine andere Straße. Scheiße. Rucksack gekrallt und dann den Berg runter gesprintet. Den Lift konnte ich mir nicht entgehen lassen. Der LKW war schon voll mit drei Leuten, aber sie haben mich trotzdem mitgenommen. 30 km aber besser als nichts.

An einer verlassenen Kreuzung ging es weiter. Um mich herum grasten mehrere Kuh- und Pferdeherden. Und die Straße…naja. Das Wort Betonkrebs hatte hier eine ganz neue Bedeutung für mich gewonnen. Wenn Betonkrebs wirklich existiert, dann war diese Straße eine Generalversammlung von Tumorerkrankungen. Die Straße war so schlecht, dass der Verkehr über unbefestigte Offroad Wege ging. So schlecht, dass man lieber Querfeldein fährt, als sich die Stoßdämpfer in den unzähligen Schlaglöchern zu zerbersten. Ich hab das bisher nur in den ehemaligen Sovjet Ländern erlebt, dass Straßen den Weg erschweren, anstatt zu erleichtern. Und hier hat jemand sein Meisterwerk erschaffen.

Schlechte Straße Trampen

Zurück an der Kreuzung. Ein LKW kommt vorbei, schon 4 Leute drin, nehmen mich nicht mit. Insgesamt das zweite und letzte Fahrzeug, was heute an mir vorbeifahren sollte. So gesehen war meine Trampleistung auf diesem Abschnitt fast optimal. Kaum ein Lift, den ich ausgelassen habe. Trotzdem hab ich knapp 24 Stunden für diese 400 km gebraucht. Keine leichte Strecke.

Mein letzter Lift war ein WAZ (schreibt man das so?). Ein russischer Zerstörer. Diese Art Bus, die wahrscheinlich nie zusammenbrechen. Und ich muss euch sagen, es war das Zweite mal, das so ein Ding für mich angehalten hat. Das Letzte mal mit Ralf in Moldawien. Die sind innen etwas breiter, als normale Busse, liegen super auf der Straße und pflügen sich ausgelassen durch jede Art von Terrain. Hat mir sehr gut gefallen. Und als ich da so drin saß wurde mir plötzlich klar: „Stefan, du musst dir so ein Ding kaufen!“ Ich will mir schon länger einen Bus zulegen. Eigentlich wollte ich eine alte Mercedes Polizeiwanne haben. Aber ehrlich gesagt, will ich nun so einen russischen WAZ. Geiles Ding. Geiles Ding!

Waz Sovjet Auto

Mit diesem Lift erreicht ich dann auch wieder zivilisiertere Gegenden mit geteerten Straßen und befand mich knapp 900 km vor meinem Zielort. Von hier war ein Direktlift mehr als möglich. Es war bereits 19:00 Uhr und ich musste nochmal etwas Essen, bevor ich auf die letzte Passage gehen konnte. Essen und Trampen verträgt sich nicht so gut zusammen. Ich sehe das als lästige Notwendigkeit, wenn ich lange Strecken mache. Die Nahrungsuafnahme ist aber wichtig, damit man nicht zuviel Energie verliert. Ich versuche das auf solchen Touren so effizient wie möglich zu halten und esse dann, wenn ich durch ein Dorf oder eine Stadt laufen muss und sowieso nicht trampen kann. Meist kaufe ich mir im Supermarkt irgendwas billiges und fettiges. Teigtaschen oder ähnliches. In Deutschland wäre es ein belegtes Brötchen und ne Bokwurst. Dazu eine Flasche Wasser, etwas Süßes, ne Banane und irgendwas zu trinken mit Geschmack. Optional noch ein Eis. Das drück ich dann innerhalb von 3-5 Minuten in mich rein, während ich zum anderen Ende der Stadt laufe. Sonst verliert man zuviel Zeit. Zeit ist Verkehr und Verkehr heißt: Hitchhiking possible.

Nach meiner zweiten Banane hielt ich ein Taxi an. Am Dorfende hat es keine zwei Minuten gedauert, bis ich einen Truck hatte, der nach Aktau durchgefahren ist. Direktlift zum Zielort. Wie erwartet. Leider war auch hier die Freude nur begrenzt. Gegen 01:00 Uhr hielten wir an, aßen und meine beiden Trucker boten mir ein Hotelzimmer an. Sie sagten, wir würden in 5 Stunden aufstehen und nach Aktau weiterfahren. Ich wußte, dass meine Position einfach zu gut war, um nun eine Pause zu machen und zu schlafen. Ich wollte ankommen. Hatte am Tag schon soviel Zeit verloren. Also trampte ich weiter. 20 Minuten später hielt mein Auto.

In Kasachstan hab ich sehr selektiv getrampt, da sowieso fast alles angehalten hat. Ich hab mich auf neue Autos festgelegt, damit ich schnell voran komme. LKW’s nur, wenn ich wollte. Alte Autos und potentielle Taxis hab ich vorbei fahren lassen. Dieser Wagen kam aus der naheliegenden Stadt und ich erwartete nicht, dass er eine weite Strecke fahren würde. Aber er hielt an. „Wohin?“ „Aktau!“ Alles klar, da simmer dabei.

Ich hatte im LKW vorher etwas schlafen können und obwohl ich seit drei Tagen wach war, fühlte ich mich ganz gut. Mein Fahrer war allerdings total übermüdet. Ich hab ihm angeboten, dass ich fahren könne. Nach kurzer Unterhaltung hat er dann eingewilligt und so saß ich mal wieder am Steuer. Das letzte mal was das in Kanada, ebenfalls nach 3 Tagen auf der Straße. Sehr schönes Gefühl. So muss ich wenigstens keinen Fahrer wach halten. Allerdings waren die Straßen in Kasachstan etwas schwieriger zu befahren. Immer wieder kamen Betonblasen, die es zu umfahren galt. Manchmal unterbrach der Straßenbelag und man durfte Slalom um die Schlaglöcher fahren. Aber generell fahre ich lieber selber, weil ich mir mehr vertraue als jedem Fahrer. Insbesondere, wenn diese müde sind. Gegen Morgengrauen wechselten wir wieder. Ich erreichte Aktau bei Sonnenaufgang. 3781 km in 68 Stunden und 59 Minuten, inklusive einem Borderhop und 400 km Anti-Straße. War sehr zufrieden mit dieser Strecke! Und ich hatte ne Menge Spaß mit Kasachstan!

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