15 000 km durch China trampen (1/5); Das unbekannte Land

Gutes Essen in China

05.05.2016; 01:03 Uhr

Das war ein wirklich komisches Gefühl heute, als ich in der Bahn Richtung Grenze saß. Wie als würde man die vertraute Welt verlassen. Nach China geht es nun. Hab ich alles dabei? Nichts vergessen? Es gibt kein zurück. Single Entry. Einmal über die Grenze und ich kann nicht wieder raus. Kam mir vor, wie beim Weg ins Gefängnis.

Ich musste nach der Grenze feststellen, dass ich gar keine Orientierung hatte. Gmaps ist irgendwie scheiße in China. Und so hab ich mich erstmal verlaufen. Dann hab ich bemerkt, dass ich fürchterlich hungrig war und schon zu lange nichts mehr gegessen hatte. Gleich den ersten Stand an der Straße geplündert. Früchte. Bananen und einen Pfirsich. Wenn man hungrig ist, dann schmeckt es immer am Besten.

Danach hab ich mich mit Chips und Süßigkeiten an der Tanke eingedeckt und dann ging das Trampen los. Um 10 Uhr Abends. Bei solch langen Trips bin ich immer etwas übermütig, mit der Anfangszeit. Ich starte oft spät und der erste Tag ist dann meist für den Arsch. Nachttrampen ist prinzipiell möglich, aber dazu muss man schon auf der Straße sein und einen Run haben. Wenn man spät anfängt, dann hatte ich damit oft weniger Glück.

Das kann aber auch daran liegen, dass ich meist ziemlich müde bin, wenn ich losmache. So auch heute wieder. Und krank. Und traktiert von unzähligen Mücken-, Flo- und Käferstichen. Hong Kong hat mir diesbezüglich sehr zugesetzt und es juckt immernoch fürchterlich. Mein Körper beginnt mit einer allergischen Reaktion. Das war auch der Grund, weshalb ich heute aufgebrochen bin und nicht noch eine Nacht irgendwo im Dschungel gezeltet hab. War einfach zuviel. Gegen Mittag kam die spontane Entscheidung nach China zu machen. Jetzt bin ich hier.

Der erste Lift kam nach 20 Minuten und hat mich 70km nach Norden mitgenommen. Ich bin gerade auf einer Raststätte und das gefällt mir bisher ganz gut hier in China. Alles etwas einfacher als in Hong Kong. Nicht so durchorganisiert. Das Restaurantgebäude der Raststätte hat drei Stockwerke und das Oberste stand teilweise leer. Große Räume. Manche Fenster waren draußen. Alle Türen offen, falls vorhanden. Hier kann man wieder mehr machen, was man will.

Letztendlich hab ich dann diese wunderbare Feuerleiter entdeckt und bin auf das Dach geflüchtet, nachdem mir mehrere Leute schon mit ihrer Hilfe gedroht hatten. Sind ganz nett diese Chinesen. Aber ich komm auch gut alleine zurecht. Mit dem Trampen muss ich mich noch etwas zurecht finden. Mein vorgeschriebener Brief scheint eine Geheimwaffe zu werden. Ansonsten versteh ich kein Wort. Vielleicht sollte ich noch an meiner Strategie feilen. Obwohl der Brief erklärt, was ich mache, scheint es keine gute Idee, den Leuten immer zu sagen, dass ich in diesen 2000 km entfernten Ort möchte. Das verwirrt die zu sehr.

Naja. Jetzt erstmal schlafen. Morgen geht’s weiter. Ich muss raus aus Moskitoland, damit ich den verlorenen Schlaf der letzten 7 Tage wieder aufholen kann. Wenigstens dröhnt im Hintergrund wieder die vertraute Autobahn. I am back on the road! Nothing behind me, everything ahead of me!

Schlafen auf dem Dach in China

06.05.2016, 01:09 Uhr

Fazit erster Tramptag; 900 km geschafft, drei Flaschen Wasser geschenkt bekommen, eine 20 Cent „hoffentlich-war-das-Fleisch“-Wurst gegessen, zu einem äußerst üppigen Abendessen eingeladen worden und mit kleinen Küchlein gefüttert, die beim Reinbeissen an in Terpentin getunkte Milchbrötchen erinnerten.

Ansonsten läuft Trampen in China bisher so für mich. Ich komme an einer der zahlreichen Raststätten raus, vielleicht schaffe ich es auf die Toilette, aber spätestens nach dem Händewaschen werde ich schon angesprochen. Eine Minute nichts verstehen, lächeln, dann hole ich meinen Zettel raus und zeige den der sprechenden Person, sage wo ich hin muss und dann heißt es eigentlich nur noch warten. Gerade ist es Nacht und der örtliche Polizist läuft rum, um einen Lift für mich zu finden. Sehr entspannt.

Die Chinesen sind allgemein recht nett und gar nicht so ätzend und nervig, wie ich das erwartet hatte. Kümmern sich gut um mich. Auch der Kulturschock lässt auf sich warten. Das die sich so vom westlichen Kapitalismus abgeschottet haben, ist tendenziell eher angenehm. Keine tausend Schokoriegel in der Tanke. Meistens überhaupt keine Schokoriegel, um ehrlich zu sein. Aber dafür weniger unbewusstes Entscheiden. Mein mobiles Internet funktioniert dank Hong-Kong Datenpaket sogar einwandfrei. Brauche noch nicht mal meinen VPN anmachen. Kann auf alle Dienste zugreifen. Facebook, Google, funzt alles. Übrigens: Das Erste mal in meinem Leben, dass ich Internet unterwegs habe. Hab ein Smartphone ja erst seit San Francisco. Mega nervig. Ständig ist man so abgelenkt.

Die letzte Anmerkung für den heutigen Tag: China’s Autobahnen sind kein guter Ort für Epileptiker. Ständig überall bunte, blinkende Lichter. Irgendwer im Verkehrsministerium scheint gefallen an bunten LED’s zu finden. Aber der Knaller sind so komische Blitzmasten. Gestern dachte ich, wir wären zu schnell gefahren, als es plötzlich geblitzt hat. Spätestens nach dem Dritten mal, kamen mir dann allerdings Zweifel. Keine Ahnung was hier los ist. Ich vermute die Dinger sollen euch wach halten. Aber nicht sicher.

So, Nacht hat begonnen. Sieht nicht nach Schlaf aus. Noch 500km bis zum Fuße der Himalayas. Vielleicht hab ich ja Glück heute Nacht. Kommt auch drauf an, wie motiviert dieser Polizist ist.

06.05.2016, 23:16 Uhr

Tag drei ist stellvertretend für den Urlaubscharakter dieser Tour. Ich bin gegen 21:40 Uhr hier an der Raststätte hinter Kumming angekommen. Perfekte Position um nun endgültig rein in die Berge zu machen. Normalerweise wäre nun eine schöne Nachttrampen Tour angesagt. Ich hab aber stattdessen endlich mal wieder eine Stunde meditiert und lege mich nun schlafen. Morgen habe ich noch 300 km nach Dali, wo ich erstmal 1-2 Nächte bleibe. Dort werde ich in einer Künstler-Community unterkommen. Bett gegen Straße tauschen. Reinste Entspannung.

Der Tag war auch super. Zwei mal zum Essen eingeladen worden. Erster Lift eine total süße Familie mit tibetanischem Einschlag. Die Tochter und ich unterhielten uns mit Übersetzungsprogramm auf dem Handy. Der Vater hat sich eine Tasse Schnaps, sowie Tabakbong zum Mittagessen genehmigt und ist danach auf der Rückbank eingeschlafen. Die haben mich auch noch mit Obst und Gemüse gefüttert und am Ende gefragt, ob ich mit ihnen nach Hause kommen möchte. Ich hab abgelehnt. So ganz weg von der Straße kann ich dann doch nicht. Manch ein Reisender findet sowas unverantwortlich, aber mir war das erstmal genug Liebe von diesen tollen Menschen.

chinesische Familie

Bong rauchen Asien

Die Chinesen werden immer netter. Viel angenehmer, als ich es erwartet habe. Nun bin ich zu dritten mal in Folge auf einem Dach einer Raststätte und richte gerade meinen Schlafplatz ein. Türen sind immer offen hier. Die Berge schauen von allen Seiten auf die Stadt, es herrscht Sternenhimmel, neben mir rauscht die Autobahn. Gelegentlich donnern hier ein paar LKWs über den Parkplatz, die sich anhören, als würden sie implodieren, wenn sie über die Geschwindigkeitsbremser krachen. Im Hintergrund ist der Güterbahnhof. Züge in China sind nicht so romantisch wie in den USA. Wenn die Pfeifen klingt das nicht majestätisch, sondern eher nach Lungenkrebs im Endstadium. Und irgendwie hab ich das Gefühl hier gibt es keine Signalleuchten, nur Signallärm, um die Vorfahrt zu regeln.

Tag zwei ist vorüber. 1500 km hinter mir, ohne viel Arbeit. Die Brieftaktik hat sich heute wieder bestens bewährt, wobei ich zwei meiner drei Lifts ganz normal mit dem Daumen abgefangen habe. Geht also auch so. Wartezeit tendierte gegen Null. Aus einem Lift musste ich allerdings aussteigen, weil er zu langsam war. Der Fahrer hat gerade kleine Mini-Bananen ausgepackt, um mich bei Laune zu halten, aber da kam dann schon die nächste Service Station. Er sah etwas traurig aus und mir tat es auch Leid, aber wenn ich mit dem weiter gefahren wäre, dann wäre ich hier erst spät nach Mitternacht eingetroffen. Außerdem waren die Bananen etwas schimmlig.

08.05.2016, 09:49 Uhr; Dali

Gerade als ich anfange zu schreiben ertönt von unten die chinesische Panflöte. Schön!

Es gibt nicht sehr viel zu berichten, verglichen mit meinen verrückten Reiseberichten aus Südamerika ist China bisher eher langweilig. Gestern morgen aufgewacht, losgetrampt, 10 Minuten gewartet und dann kam mein Lift ins 300 km entfernte Dali. Soweit mein Tramptag.

Hier bin ich in einer Künstlercommunity untergekommen. Hab sie auf Trustroots.org gefunden. In Süd-West China gibt es wirklich eine Menge guter Hosts. Scheiß auf Couchsurfing! Ich mache vielleicht auch nochmal Stop in Chengdu, weil da ein Kerl eine Nomadbase betreibt und die Leute sehen so cool aus, dass ich sie gerne besuchen würde. Hier in Dali chill ich nun bis morgen. Hab gestern das Erste mal Entenhals gegessen und auch eingelegten Entendarm. Garnicht so übel.

Künstler community Tibet

Am Abend ging es an den See, wo wir ein Barbecue hatten. Das läuft hier anders als in Deutschland. Prinzipiell sitzen alle mit ihren Stäbchen um den Grill herum und man pickt sich etwas raus, wenn man Lust hat. Und gegrillt wird alles. Gemüse, Fleisch und vermutliche Fleischprodukte. Die haben um sieben schon den Rost voll gehabt, als wir ankamen und bis um 11 Uhr nachts nicht mehr aufgehört neue Leckereien nachzulegen. Jeder der kam, hat was anderes mitgebracht. Ein einziges Fressgelage. Kulinarisch sind die Chinesen absolut next level. Einmal kam ein Opa vorbei und hat vier fertig präparierte Fische abgeliefert. Ich fand das extrem gut! Auch nicht so langweilig Deutsch: Einmal durchgrillen und essen.

Es gab auch Jägermeister. Aber ich trinke ja nicht mehr und das Gesöff schon gar nicht. Allerdings musste ich aus Höflichkeit und Notwendigkeit gestern eine Ausnahme machen. Mir hat sich eine Fischgräte im Hals verfangen. Ich hab mich schon sterben sehen. Einer hat mir dann irgendeinen selbstgebrannten Schnaps eingeschenkt. Der musste runter. Danach hab ich noch ein kleines Bier gehabt und eine Zigarette. Ja, das klingt komisch, das zu erwähnen. Aber ich meine das ernst mit den Intoxications. Bleibt die Ausnahme.

Grillparty China grillen China

In China ist aber insbesondere die Raucherei ziemlich verbreitet. Wenn die sich eine anstecken, dann ziehen sie prinzipiell zwei Kippen aus der Schachtel. Eine für dich und die andere für den Gastgeber. Die Russen können nicht alleine trinken und die Chinesen nicht alleine rauchen. Für mich als ehemaligen Gesellschaftsraucher, ist das eigentlich der Traum hier. Aber ich bin auch etwas besorgt um die ganzen jungen Chinesen. Die rauchen nämlich sehr viel. Die Türken waren schon schlimm, aber meiner Ansicht ist China rauchtechnisch Weltmeister. Und gekifft wird hier auch wie blöde. Hanf wächst wild. Kann man einfach pflücken gehen in den Bergen, wenn man was braucht. Soweit die ersten Beobachtungen.

Und damit beende ich den langweiligen Talk. Hier geht es ja ums Trampen. Wir sind mitlerweile auf 1900m. Mein nächster Checkpoint Deqin ist dann auf 3550m. Von da geht es dann runter von der Autobahn und rauf auf eine verlassene Bergstraße, entlang der tibetanischen Grenze. Die ist nichtmal bei Google eingetragen. Ich rechne mit „sehr wenig Verkehr, aber sehr schön“, wie Mette mir das in Japan empfohlen hat. Kommt mir irgendwie bekannt vor.

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