Traffic Exists. Hitchhiking Possible; (9) Der Epileptiker

Ich will ganz vorne beginnen. Ein Inder hat mich mitgenommen. Mein erster Lift an diesem Tag. Es war ein kalter Morgen und im Auto lief die Heizung auf maximaler Stufe. Angenehme 45 Grad im Innenraum und auch meine Brille konnte nicht verhindern, dass der warme Luftstrom langsam und unablässig meine Augenflüssigkeit vernichtete.

Ich hatte schnell bemerkt, dass mein Fahrer immer wieder über den Seitenstreifen fährt. Ich dachte erst, er kann nicht fahren, schob es dann jedoch auf kulturelle Gründe. Ein Inder mag es vielleicht nicht so genau nehmen mit diesen Linien auf der Straße. Mein Fahrer trug einen Kapuzen-Pulli und zusammen mit seinem stachligen und durchaus imponierenden Bart, wirkte er leicht bedrohlich. Während der ganzen Fahrt sagte er kein Wort. Nach 50 km meinte er schlicht: „I have not english.“. Dann schwiegen wir weiter.

Die 600 km von Armstrong nach Seattle trampte ich schon zum 4ten mal und kannte dementsprechend jeden Ort und jede Ausfahrt auswendig. Mein Inder ließ mich in Kamloops an der Autobahnkreuzung raus. Ich kannte Kamloops und das war sicherlich der Ort, an dem ich am wenigsten stehen wollte. Autobahnkreuz, viel und schneller Verkehr. Solche Positionen sind immer eine Herausforderung. Ich fand eine Stelle mit guter Haltefläche, es war sehr viel los und die Autos rasten über den Autobahnzubringer an mir vorbei. Alles ein bißchen hoffnungslos. Nach 20 Minuten hielt Ryan an.

„Get in!“, raunzte er mich unfreunlich an, als ich die Tür öffnete. Wohin er fährt? Merrit. Nagut. Ich setzte mich auf den Beifahrersitz und bemerkte als Erstes, dass ich mich nicht zurücklehnen konnte, weil ein Röhrenfernseher über die abmontierte Kopfstütze in mein Kreuz ragte. „I was hitchhiking by myself, thats why i picked you up“, sprach Ryan, mehr schimpfend als erzählend.

Ryan trug eine Neongelbe Arbeitsjacke. Sein Bus war voll mit Müll und war er ziemlich schlecht gelaunt. Irgendwas mit Alberta und Kollegen, die ihm den Sprit geklaut haben. Und natürlich die Polizei, die hinter ihm her war. Er fing an zu schreien, tobte regelrecht an seinem Lenkrad. Seine Augen waren blutunterlaufen und ein rauer Stoppelbart belegte sein grimmiges Gesicht. Ich wusste sofort, dass ich mit einem Psychopathen fuhr.

Ich habe keine Angst vor solchen Leuten, noch bin ich kontaktscheu in solchen Situationen. In Autos muss man sich mit jeder Art Mensch auseinandersetzen. Ich trampe nun seit 8 Jahren und nie wollte mir ein Fahrer Gewalt antun. Er hatte eine scheiß Zeit hinter sich. Ich versuchte also mit ihm zu reden, ihn zu beruhigen. Ich erwarte nie, dass mir mein Fahrer etwas antun würde, auch wenn er offensichtlich total durchgeknallt ist. Und bisher war ich mit meinem Bauchgefühl auch immer richtig gelegen.

Wir fuhren ins Niemandland von Kanada, nächste Stadt 80 km entfernt. Merrit. Dazwischen nichts. Sein Seitenspiegel klappte sich immer wieder ein. Ich musste ihn mit der Hand halten, damit er sieht, was neben der Straße los war. Wir fuhren ganz rechts. Er sah ständig Polizeiautos ankommen, die dann doch keine waren. Paranoia.

Wir rollten über den Highway und sprachen nicht. Ein LKW überholte uns links. Kurz nachdem der LKW passierte, schwenkte Ryan langsam auf die linke Spur aus, als ob er überholen wollte. Aber vor uns war gar kein Auto! Ich wurde hellwach, schaute ihn fragend an. Ryan hatte die Augen weit aufgerissen, der Mund war leicht geöffnet und er hielt das Lenkrad so verkrampft, als ob ihm gerade jemand ein Messer in den Rücken gestochen hätte. Ist er jetzt völlig durchgeknallt? Ich brauchte wenige Millisekunden, um zu begreifen. Er hatte einen epileptischen Anfall.

Irgendwie zogen wir auf die linke Fahrbahn und er drehte das Steuer ganz leicht, sodass wir wieder nach rechts drifteten, zielstrebig auf den Abhang zu. Ich ergriff sofort das Lenkrad, versuchte den Wagen wieder auf die Straße zu lenken, aber seine Arme waren verkrampft, das Lenkrad bewegte sich nur um Millimeter. Ich konnte nicht viel ausrichten, versuchte verzweifelt den Wagen wieder in die Spur zu lenken. Kann sein, dass ich mir hier das Leben gerettet habe.

Wir kamen von der Straße ab. Ich sah uns in den Graben gleiten. Wir hielten direkt auf den Anfang einer steilen, aufwärts verlaufenden Böschung zu. Und dann der Aufprall. Ich kann mich noch an jede Sekunde erinnern. Ich hatte keinen Gurt, weil das alte Auto keinen Gurt auf dem Beifahrersitz hatte. Von Airbags ganz zu schweigen. Wir prallten in den Abhang, ein markerschütternder Schlag kam von der Front des Autos. Man hörte Töpfe und anderen Nippes umherfallen. Ich bin sofort abgehoben und mit meinem Kopf nach vorne in die Scheibe geschleudert worden. Dann warf es mich gegen meine eigene Tür. Der Wagen prallte wohl gegen die Böschung bevor er letztendlich nach links auf die Seite umkippte. Glas splitterte. Alles flog hin und her. Dann war Stille.

Das Auto. Ein alter Dodge Van von der Böschung auf die linke Seite geschleudert.
Das Auto. Ein alter Dodge Van von der Böschung auf die linke Seite geschleudert.

Ich konnte mich noch bewegen, war total unter Schock und panisch. Ich schrie vor mich hin: „Holy shit, holy shit!“ Der erste Gedanke: „Raus hier, raus hier, raus hier.“ Wo ist die Tür? Über meinem Kopf. Ich versuchte die Tür aufzumachen. Ging nicht. Ich versuchte die Windschutzscheibe rauszutreten. Raus raus raus. Gott, da bewegte sich auch nichts. In all meiner Verzweiflung nochmal versucht die Tür zu öffnen. Wie sollte ich hier sonst rauskommen? „Are you alright?“, rief ich reflexartig zu Ryan ohne mir bewusst zu sein, was ich hier eigentlich mache. Er war irgendwo unter mir, auf ihm lag ein Kühlschrank und auf diesem war ich. Das Fenster! Ich konnte das Fenster hoch kurbeln. Es öffnete sich und ich stieg auf, wie aus einem U-Boot. Umschauen. Ein Mann kam bereits von der anderen Straßenseite angelaufen. Ein anderer hatte schon das Telefon in der Hand. Ich spürte etwas Warmes an meinem Gesicht herunterlaufen und beobachtete, wie Blut auf meine neuen Handschuhe tropfte. Das alles nahm ich war, aber verarbeitete es gar nicht. Wichtig in diesem Moment war nur die Erkenntnis: Da sind Menschen. Die holen Hilfe.

Ryan! Sofort änderte sich meine Aufmerksamkeit. „Buddy, are you allright?“ Ich hörte ein Stöhnen unter dem Kühlschrank hervor kommen. „Buddy, don´t worry, we get you out here.“ Ich glitt ins Auto, nur den Gedanken, diesen Kühlschrank irgendwie von Ryan herunter zu kriegen. Es war ein völligst hilfloser Versuch, diesen aus dem Fenster zu hieven. Das Fenster war natürlich viel zu klein und mein Unterfangen zum scheitern verurteilt. Draußen hatten sich nun mehr Menschen versammelt. Die Tür wurde aufgebrochen, wir holten den Kühlschrank raus. Irgendwer sagte im Befehlston zu mir: „You look like you should sit down here! Now!“

Mittlerweile waren 8-10 Personen vor Ort. Alles Ersthelfer. Eine Sanitäterin, Ein Auto mit zwei Krankenschwestern hielt an. Sie boten mir Hilfe an, legten eine Decke um mich. Es tut eigentlich nichts zur Sache, aber mir kommen die Tränen, während ich dies hier schreibe. Ich bin diesen Menschen so dankbar. Die Kanadier waren der Wahnsinn. Ich stand unter Schock in dieser Situation, zitterte am ganzen Körper. Konnte keine Emotionen heraus bringen. Ich bin traumatisiert.

Menschen
Humans.

Irgendwann fand ich mich dann in der Ambulanz wieder. Jemand wischte mir die Scherben aus dem Gesicht und den Augen. Ob sie mich ins Krankenhaus bringen? Ja. Wohin? Nach Kamloops zurück. Ryan wurde währenddessen rein geschoben. Er konnte sich an nichts erinnern, meinte er hätte keinen Tramper mitgenommen. Nach einigen Minuten bemerkte er, dass ich hinter ihm saß. Er brauchte drei Versuche um sich umdrehen zu können. Er sah mich. und riss die Augen weit auf: „Ah, youuu dude!“, nun wurde ihm alles klar! „I am so sorry man. Sorry for that! Sorry that this happened to you!“ „Ah, no worries man, shit happens.“ Wer konnte da sauer sein?

Ich wusste ja, er war viel schlimmer dran, als ich mit meinen leichten Blessuren. Er wollte nach Merrit und dort seinen Van für den Winter abstellen und reparieren. Sein ganzer Besitz lag nun im Graben, sein Auto war hinüber und die Polizei, vor der er gerade noch weggelaufen ist, war nun an seiner Seite. Er würde wohl ins Gefängnis kommen.

Ich suchte meine Mütze und meine Brille, von welcher ich nur die Hälfte wiederfand. Wirklich Kamloops ins Krankenhaus? Ich musste doch in die andere Richtung. Der Polizist meinte, er könne mir einen Lift nach Merrit geben. Ich fühlte mich, den Umständen entsprechend, gut und es machte keinen Sinn zurück zu fahren, um dann ein paar Stunden im Krankenhaus zu verbringen und dann wieder auf die Straße nach Seattle. Ich wollte nur noch ankommen. Erst recht nach dieser Sache! Es waren noch 400km vor mir.

Nachdem ich irgendeine Erklärung unterschieben habe und die Ambulanz noch nichtmal meine Krankenversicherung wissen wollte (danke Kanada!), durfte ich gehen, aber sollte sofort ein Krankenhaus aufsuchen, falls ich mich schwindelig oder anderweitig schlecht fühlen würde.

Brad, der Polizist, gab mir einen Lift, in einem Bundesstaat, wo trampen illegal ist. Er war selber Tramper. Ist vor 2 Jahren von Kanada nach Mexico und zurück getrampt. In 10 Tagen. Respekt. Reiste ähnlich wie ich, immer auf der Straße, viel campieren. Wir verstanden uns prächtig. In Merrit hielten wir kurz am Burgerrestaurant und ich konnte mir noch das restliche Blut aus dem Gesicht waschen, um, so gepflegt wie möglich, trampen zu können. Brad kaufte mir noch einen Kaffee und einen Muffin, bevor er mich an der Auffahrt absetzte, von wo aus es dann nach Seattle weiterging.

An der Grenze, wo ich von der Immigration Police die letzten Male konsequent auseinandergenommen wurde, war diesmal eine etwas ältere Frau, die das Interview führte. Wo ich hin will? Seattle. Warum? Muss da einen Schlafsack abholen und morgen dann nach Calgary. „Aha“, machte sie immer. Ich konnte nicht erkennen, ob das Zustimmung oder Misstrauen war. Ich kannte das Prozedere und fing einfach an zu erzählen, was ich immer erzähle: Dass ich um die Welt trampe und nach Alaska will….im Dezember. Wieso Dezember? Muss. Keine Straßen da im Sommer. Brauche Wintertrails und will nach Rußland übersetzen. „Aha“. Ich erzählte ihr, dass ich letzte Woche schon mal die 1200 km von Kanada nach Seattle getrampt bin, um dieses scheiß Paket abzuholen, was dann nicht da war. Der ganze Blues. Sie fragte nicht danach, aber ich erzählte ihr auch, dass ich heute morgen einen Unfall hatte und zeigte gleichzeitig auf mein verbeultes Gesicht.

„Stefan Stefan….“, meinte sie, als ich fertig mit erzählen war. Sie schüttelte mit dem Kopf und presste die Lippen leicht zusammen. Wir schauten uns lange und ernst an, bis sie schließlich langsam aber herzlich sagte: „Your poor Mum!“. Ich nickte zustimmend. „But, you gotta do, what you gotta do.“, erwiderte ich. „You gotta do, what you gotta do.“, wiederholte sie verständnisvoll, gab mir meinen Reisepass und wünschte mir einen sichere Weiterreise.

4 Comments

  • Alter!!!
    Ich hoffe sehr, dass es dir gut geht Homie!

    Als ich vorhin das erste Foto gesehen habe, wie der Wagen im Graben liegt. Digga Digga Digga! Krasser Scheiß! Pass auf dich auf Brudi. Wünsch dir weiterhin Glück und vor allem Gesundheit auf deiner Reise! Immer Weiter! Du schaffst das! Nichts Stoppt Eine Lebende Legende! Grüße aus Germany Michael 😉

  • Alter! Krasse Scheiße und krasses Glück.
    Aber Daumen hoch für die hilfsbereiten Canadians. Ich hoffe mal du hast auch auf den zweiten Blick nichts ernstes abbekommen, kannst dir ne neue Brille besorgen und erlebst sowas nicht nochmal.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.