Durch die Hintertür nach Venezuela

Überfahrt nach Venezuela
Unser Kahn für die Überfahrt

11 Uhr. Ablegezeit. Nachdem uns ein Inder, so höflich und nachdrücklich wie es ein Inder eben macht, erklärte, dass wir an der Marina nicht willkommen sind, trottete unsere Gruppe ins nahe gelegene Fischerdorf. Außer mir waren fast nur Venezuelaner dabei, die alle etwas priviligiert Aussahen. Jetset eben.

Unser Kahn für die Überfahrt
Unser Kahn für die Überfahrt

Als unser Boot am Fischerdorf anlegen wollte, kam ein halbnackter Rastaman mit einer Machete in der Hand angesprungen, fluchte und schrie und deute mit seiner charmanten Art an, dass auch hier kein Platz für uns sein wird. Ich kam mir vor wie in einer Gruppe Flüchtlinge, überall nur Hass und dann dieses Boot.

Ich mag es garnicht Boot nennen, weil dafür war es eigentlich zu klein, zu löchrig, aber immerhin hatte es drei Außenborder für den Antrieb. Es waren zwei Boote insgesamt, eines mit und eines ohne Regenschutz (wobei dieser aus auf Holzbalken genagelter Plastikfolie bestand). Ich war etwas erstaunt, wieso wir insgesamt sechs Außenborder hatten für die 70km Überfahrt und gab mich mit der Theorie zufrieden, dass unsere Bootsführer wohl extra Motoren mitführten, falls einer auf dem Weg kaputt geht. Schließlich fuhren wir direkt über den Kanal zwischen Trinidad und Venezuela und die See konnte ungemütlich werden.

Auf dem Boot mit den Anderen
Auf dem Boot mit dem Jetset

Meine Theorie war allerdings falsch. Die drei Maschinen waren notwendig um richtig schnell nach Venezuela rüberzuknallen. Wir fuhren also mit allen drei gleichzeitig, was einen Höllenlärm verursachte. Die Fahrt war trotzdem wunderschön. Ich hab mich in die Küste Venezuelas etwas verliebt. Der Dschungel ragte majestätisch über den Klippen hervor, außer ein paar kleinen Fischerdörfern und zwei Industrieanlagen gab es nichts, außer wilden Stränden, Palmen und eben Dschungel.

Zu meiner weiteren Begeisterung trug auch bei, dass wir unterwegs einen Tramper aufsammelten. Ein Fischerjunge, der an der Küste mit seinem T-Shirt winkte. Das Boot drehte ab und wir luden in auf. Meine Passion war endgültig geweckt. Venezuela, Festland, endlich wieder trampen, was laut Hitchwiki richtig gut funktionieren sollte. Und vorallem Pick-Up Trucks. Wie habe ich mich darauf gefeut.

Ein solcher Truck sollte uns auch gleich vom Pier zur Immigration chauffieren. Die Ladefläche war vom Rost zerfressen. Ich konnte die Straße durch den Radkasten sehen und auch sonst bogen sich die Schweller zum zerbersten nahe, als wir Platz nahmen. So schnell es das Material zu ließ trotteten wir durch die Stadt zu unserem Zielort. Mit ca. 20km/h.

Tragfläche nicht mehr in bestem Zustand
Tragfläche nicht mehr in bestem Zustand

Wo bitte gehts zur Immigration?

Was nun folgte war die wohl komischste Einreise, die ich je erlebt habe. Wir kamen zu einem kleinen Haus, dort drin saß ein Mann mit seiner Familie, er hatte eine unappetitliche Enzündung am Bein und badete seine Füße in einer Wanne. Meine Gefolgschaft nahm wie selbstverständlich Platz. Wir warteten anscheinend auf die Dame mit den Stempeln.

Zwischenzeitlich war Zeit zum Geld wechseln gekommen. Ich hatte mir extra Dollar mitgenommen, da der offizielle Wechselkurs 1$ = 11 bolivian Dollars war, der Schwarzmarkt aber 1:75 tauschte, laut Internet. Dank der Wirtschafts- und Ölkrise lag der aktuelle Wechselkurs für mich aber bei 1:135 und ich habe gehört an manchen Orten wurde sogar 1:180 getauscht. Ein Mann mit Hut und Mofa erwartete meine 30$ und fuhr damit davon. Alle hatten mich vorher gewarnt wie korrupt und gefährlich Venezuela war und ich drückte ihm das Geld in die Hand und er verschwand.

Nach einiger Zeit kam er wieder mit 2700 bolivian Dollars, was einem abgemachten Wechsel von 20$ entsprach. Ich hatte ihm aber 30$ gegeben. Er meinte 10$ seien Trinidad Währung gewesen und damit war ich dann mein Geld los. Ich machte keinen Aufstand, dachte das gehört dazu und der Wechselkurs war immer noch gut genug. Ich war immer noch reich.

Immigration Office in Venezuela
Immigration Office in Venezuela

Vorurteile in meinem Kopf

Die Pässe kamen an und waren zu meiner Verwunderung schon gestempelt. Keine Ahnung was da passiert ist, ich habe keinen offiziellen zu Gesicht bekommen. Ich kam mir etwas illegal vor in diesem Moment, aber der Stempel schien in Ordnung zu sein, also machte ich mir darüber keine weiteren Gedanken. Beim Grenzübertritt nach Brasilien sollte all dies kein Problem darstellen. Nachdem ich endlich im Auto saß und über alles nachdachte, wurde mir auch klar, dass ich keinen 10$ Schein besessen hatte und der Wechsler mich nicht übers Ohr gehauen hatte.

Es waren nur die Vorurteile über Venezuela, die mich zu dieser Annahme verleitet hatten. Ich schämte mich, weil ich behauptet hatte, er hätte mir zu wenig gegeben. Eigentlich hat er nur sein Geschäft gemacht und das hat er ordentlich getan. Das kommt davon, wenn einem alle Welt sechs Wochen lang einredet, wie gefährlich und korrupt Venezuela ist. Ich werde erschossen, ausgeraubt, betrogen und würde ja sowieso total verrückt sein, in dieses Land einzureisen. Letztendlich sollte alles ganz anders kommen. Venezuela ist ein wundervolles Land. Das sollte ich aber erst nach meinem ersten Lift erfahren…..

2 Comments

  • Da musste ich doch schmunzeln. Was das Kopfkino so lostritt und wie recht du hast: wenn alle um dich rum nur Schwarzmalerei betreiben und warnen, warnen, warnen, dann wirkt sich das auf die eigene Wa(h)rnnehmung aus. 😉
    Aus meiner Venezuela-Erfahrung kann ich sagen, (europäische) Schokolade ist ein sehr gutes Zahlungsmittel, aber die hätte deinen Trip bis nach Venezuela eh nicht überlebt.

    • Ich erwische mich relativ oft, dass ich Menschen irgendwas unterstelle, unbewusst. Prinzipiell halte ich das fuer gefaehrlich. Menschen merken, wenn man ihnen misstraut und reagieren dementsprechend.

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