Das Leben ist schön.

Ich hab heute einen Lied gehört. „If you can’t say it, write a song about it.“ Ich bin kein Singer-Songwriter. Daher kann ich leider keinen Song schreiben. Aber für mich gilt dann wohl: „If you can’t say it, write an article about it.“ Ich weiß noch nicht genau, wo dieser Text enden wird. Es geht um Abschied nehmen.

Das schlimmste auf langen Reise ist das loslassen. Ich bin Nomade, in Bewegung. Das ist alles worum es geht. Immer in Bewegung sein, bedeutet aber auch, nicht bei Menschen bleiben zu können. Auch wenn man sie gern gewonnen hat. Vielleicht sogar liebt. Aber ich hab nichts zu bieten, außer dem Moment. Der ist vielleicht magisch, zauberhaft. Aber Momente vergehen. Man will sie halten. Man will immer in ihnen verweilen, gerade wenn sie so magisch und zauberhaft sind. Aber das geht nicht. Genauso möchte man Menschen halten, die magisch und zauberhaft sind. Weil sie einem Nähe geben. Nähe. Darum geht es uns doch eigentlich, oder nicht? Aber ich hab nichts zu bieten, weil ich auf Reisen bin. Nichts zu bieten, außer dem Moment.

Auf Reisen hat man oft starke Gefühle. Dabei rede ich nicht von abstrakten Gefühlen wie Liebe, Zuneigung oder Einsamkeit. Ich meine eher Empfindungen. Ich rede von dem Druck in der Brust. Die Belastung im Sola Plexus, wenn man weiß, dass der Abschied bevor steht und es einem alles zu schnürt. Schmerz kann man sagen, vielleicht ist das auch Angst. Ich weiß es nicht. Es ist ein Gefühl. Genauso wie der flaue Magen, der all den Hunger unterdrückt und dich so Elend und schwach fühlen lässt. Und da ist noch die Verspannung im Nacken, die sich bis an den Hinterkopf hochzieht und Kopfschmerzen verursacht. Unregelmäßige Schluckreflexe, weil der Hals so zugeschnürt ist und der ganze Körper darauf bedacht ist, die Unmengen an Gefühlen im Zaun zu halten, bevor sie irgendwann ausbrechen, wie eine Flutwelle, die sich spontan aus dem Meer heraus begibt, um gegen eine Felsenwand zu schmettern.

Es ist manchmal schwierig das zu zulassen. Besonders wenn man Menschen um sich herum hat. Seien es die Menschen, denen man Goodbye sagt oder solche, mit denen man gerade irgendwie zusammen ist und sie doch nicht kennt. Menschen, die man auf Reisen trifft. Menschen vor denen man sich zusammenreissen muss. Menschen die man sowieso zurück lässt. Nie Vertraute. Im besten Sinne Freunde. Kurzzeitige Familienmitglieder. Aber für richtige Vertrautheit fehlt die Zeit. Fehlt die Stetigkeit. Fehlt es an allem. Man kann sich der Illusion hingeben, Seelenverwandte zu treffen, mit denen man sich sofort versteht und die einem sofort viel bedeuten. Aber das bleibt im Moment. Und Momente vergehen. Genauso wie Menschen gehen. Meist bin ich das. Der Reisende.

Jeder Abschied ist schwer. Am Schwersten sind solche, die man lange kommen sieht. Abschiede, die man eigentlich gar nicht haben möchte. Weil man so sehr an etwas hängt. Weil man Angst hat, vor dem was kommt, wann er/sie/es nicht mehr da ist. Angst vor der Leere. Weil man diese Nähe und Vertrautheit hatte, die man sonst nicht auf der Reise hat. Immer ist alles neu. Orte, Menschen, Länder, Sprachen und auch die Liebe. Das Schwierigste ist wohl, richtig Abschied zu nehmen. Einfach gehen, kurz und schmerzlos? Wohl das Leichteste. Soll man negativen Gefühlen freien Lauf lassen? Enttäuschung, Wut und Trauer funktionieren gut, wenn man jemanden nicht vermissen möchte. Aber sie sind schlechte Berater. Sie zerstören mehr, als dass sie nützen. Soll man enge Bindungen meiden? Was hat man dann gewonnen? Nichts.

Es macht keinen Sinn, aus Angst vor Verletzung in der Einsamkeit zu verweilen. Man kann es vielleicht besser kontrollieren, weil man es selber in der Hand hat. Das gibt Sicherheit, aber mit Sicherheit keine Zufriedenheit. Es ist schwierig in Freundschaft auseinander zu gehen. Weil man dann auch am meisten vermisst. Weil es keinen Sinn hat, etwas zu beenden, was doch so schön ist. Alles ist irgendwie falsch an diesen Abschieden. Oder alles richtig. Ich weiß es nicht.

Und so bleibt es dann, dass man wieder sitzt. Alleine. Mit dem Herzen, was schneller pocht als normal. Verspannung im Nacken, die schon weh tut. Dem Druck auf der Brust, die versucht sich zusammen zu halten, als ob es dich jeden Moment zerreissen könnte. Und der Magen, der unsicher im Bauch liegt und nicht so richtig weiß, wie er sich verhalten soll.

Und dann ist da noch etwas Anderes. Es ist nicht immer da, aber manchmal. Hoffnung. Der Verstand hat längst begriffen, dass es so ist, wie es ist. Aber da ist diese Hoffnung, die einfach nicht loslassen will. Vielleicht richtet es sich ja doch! Vielleicht kann man sich das doch irgendwie ersparen. Vielleicht wird ja alles wieder gut? Mitnichten.

Ich will diesen Moment festhalten. Wieder mal. Nicht den schönen Moment, aber diesen Moment, jetzt. Mit all seinen Facetten. Je länger ich drauf schaue, desto schwieriger wird es, die Empfindungen zu beobachten. Weil sie Vergehen. Genau wie der Moment. Und das ist gut. Man fühlt sich scheiße. Aber das vergeht. Genauso wie die angenehmen Gefühle vergehen. So funktionieren wir. Es ist schwierig, das zu Erfahren, aber überaus wichtig, um es aushalten zu können. Aushalten zum hinschauen. Hinschauen zum Erfahren. Und manchmal auch Aushalten zum Beschreiben.

Auf einer langen Reise durchlebt man all die Gefühle, die man auch zu Hause durchleben würde, nur intensiver. Manchmal ist es fast nicht zum Aushalten. Und ich frage mich, ob man sich irgendwann daran gewöhnt oder einfach nur davon aufgefressen wird. Müdigkeit macht sich breit. Schlafen. Das kann helfen. Ruhe suchen. Wenn da nicht die Hoffnung wäre, die einen immer wieder aufschrecken lässt, den letzten Strohalm sucht und doch nur eine weitere Lüge produziert, die euch im Leid fest hält. Weil es könnte doch noch irgendwie wieder alles gut werden, oder nicht?

Da sind kurze Moment, in denen das loslassen funktioniert. Ein Gefühl der Erleichterung. Auch diese sind nicht von Dauer. Sie werden aber länger, vielleicht ist das der Lernprozess. Wenn man sich frei macht, nicht mehr an den Momenten und Menschen festhält, für diesen kurzen Moment, dann fühlt man sich wieder am Leben. Und nicht mehr am Sterben. Sterben hat mit Loslassen zu tun, soviel ist sicher. Wenn man stirbt muss man Sachen gehen lassen. Vielleicht sollte man das schon zu Lebzeiten probieren. Und erkennen, dass alles nicht so wichtig ist, wie es erscheint.

Die Reise hat einen Trumpf. Man weiß, dass etwas Neues vor einem liegt. Eine Chance? Vielleicht denkt das die Hoffnung. Ist auch egal. Wichtig ist: Es geht weiter. Und es geht nur weiter, weil man Abschied nimmt und sich auf neue Pfade begibt. Das Eine bedingt das Andere….Halt. Dieser Text verkrüppelt mehr und mehr. Ich fühl mich so beschissen, dass ich nicht auf die Pointe komme. Das hier sollte positiv enden. Dachte ich mir am Anfang. Aber ehrlich gesagt, fällt es mir schwer, dafür Worte zu fassen. Nein, ich fühl mich scheiße. Das blümerante Ende könnt ihr euch in den Arsch stecken. Immerhin kann ich aufschreiben, was ich vorher nicht sagen konnte. Aber weiter geht’s nicht. Weil ich ja hinschaue. Beobachte, wie ich sterbe. Und dann doch weiterlebe, auch wenn ich gerne Tod wäre. Auch dieser Moment vergeht.

Ich will auch nur sagen, dass man sich auch freuen kann, weil wieder was Neues auf einen zukommt. Das hilft, um sich nicht mehr so scheiße zu fühlen. Weil eigentlich meint es das Leben ziemlich gut mit mir. Das ist die Theorie. In der Realität bleibt nur der Schmerz, mit all seinen Facetten. All den Emfpindungen. Es ist wieder Zeit für mich weiterzuziehen.

Und das Leben ist schön. In jedem Augenblick. Auch auf Reisen.

4 Comments

  • Krass, dass du diesen Text jetzt gerade veröffentlichst. Ich habe genau dieses Gefühl vor Kurzem zum ersten Mal durchlebt – wahrscheinlich nicht ganz so stark wie du, aber trotzdem eigentlich haargenau so. Und es tut gut zu wissen, dass auch du in diesem Moment des Schmerzes innehälst und ihn beobachtest. Dass du auch dem unschönen Moment eine Schönheit gibst durch deine wohlgewählten Worte. Das gibt Mut und verwandelt den Schmerz in etwas produktives, in etwas weniger sinnloses.

    Übrigens lese ich schon lange deinen Blog und freue mich immer wieder über neue Geschichten und Reisegedanken. Davon zu lesen gibt mir immer wieder Energie für meine eigenen kleinen Reisen im Alleingang.

    Liebe Grüße gerade aus Russland!

  • Hi,
    ich bin ja begeisterte Leserin seit den Reisedepechen.
    Nur wer die Endlichkeit erspürt, erahnt, zulässt im Gedanken, der kann das Hier und Jetzt voll auskosten.
    Dankeschön für die Erinnerung 🙂
    Gute Reise weiterhin,
    Liebe Grüße, Eva

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