Georgische Gastfreundlichkeit – Absagung an den Alkohol

Wein trinken in New York
Wein trinken in New York

Die Gravitationskraft ist eine der vier Grundkräfte der Physik. Es geht im Grunde darum, dass zwei Massen sich immer gegenseitig anziehen, wobei die Anziehungskraft mit größerer Entfernung abnimmt. Die Gravitationskraft besitzt unbegrenzte Reichweite und lässt sich nicht abschirmen. Ein universelles Gesetz, dass die Bewegung von Planeten und die Entstehung von Galaxien beschreibt. Ungefähr die gleiche, fundamentale Bedeutung für die menschliche Existenz besitzt das folgende Naturgesetz: Wenn sich georgische Mitmenschen in Sicht- oder Hörweite befinden, während ihr gerade eine Mahlzeit zu euch nehmt, dann wird gesoffen. Kaukasische Gravitationstheorie.

Ich saß in der Kantine von unsere Containerschiff, auf dem Weg von Kasachstan nach Aserbaidschan und hatte mich gerade zum Essen niedergelassen. Meine beiden französischen Begleiter waren noch nicht da. Außer uns und der Crew befanden sich noch ein Haufen Trucker auf dem Boot. Hauptsächlich aus Georgien. Der Tisch neben mir war voll besetzt. Eine 1,5L Plastikflasche mit hausgemachtem Wodka erblickte das Licht der Welt. Kondenswasser am Flaschenrand zeugten von einer guten Kühlung. Gläser wurden aufgetischt. Der kühle Selbstgebrannte ergoss sich in dieselben. Und es wäre nicht typisch georgisch, wenn ich nicht auch in den Fokus der umsorgenden Gastfreundlichkeit geraten wäre. So alleine, wie ich am Nachbartisch saß.

Der Hausherr kam mit einem strahlenden Lächeln zu meinem Tisch herüber. Für alle Eventualitäten sollte gesorgt sein, daher brachte er auch gleich ein leeres Glas mit. Ob ich Wodka möchte, fragte er und hielt mir die Flasche wie ein Sommelière hin. Nein nein, ich trinke keinen Alkohol. Sein freudestrahlendes Gesicht veränderte sich nicht. Es war anscheinend eine Antwort, die in seiner Realität kein Existenzrecht hatte. Er machte sich nicht mal die Mühe, sich damit auseinanderzusetzen sondern blieb einfach stehen. Wodka? Mit einer Mischung aus Höflichkeit und interkulturellem Verantwortungsbewusstsein willigte ich schließlich ein und bekam einen Doppelten, bzw. Dreifachen in mein Teeglas eingeschenkt.

Ich habe viele Freunde, die schon in Georgien gewesen sind und alle waren voller Lobes. Die Gastfreundlichkeit ist weit bekannt, aber noch mehr hat Georgien den Ruf, dass man ständig zum Trinken eingeladen wird. Am Essenstisch wird permanent angestoßen und jedesmal wenn dies geschieht, sagt jemand einen Trinkspruch auf. Man sagt das über einige Länder, aber die Georgier scheinen hier die Weltspitze der Trunkenbolde zu sein. Der Trucker vom Nebentisch erzählte uns später, dass er dieses Jahr 230L Wodka gebrannt und 340L Wein hergestellt hätte. Natürlich kann er das alles nicht alleine trinken.

Anstandshalber habe ich mein Glas geleert. Ich habe auch die Angewohnheit, wenn ich beim Essen etwas nicht mag, dies zuerst herunter zu würgen, um mich dann den leckereren Sachen zu widmen. Großer Fehler, denn das leere Glas entging nicht der Aufmerksamkeit meiner neu gewonnenen georgischen Freunde. Sofort stand er wieder mit der Flasche an meinem Tisch. Ich sagte, dass ich nichts mehr möchte, aber einem Georgier mit einer Wodka Flasche gut zureden, ist wie Nougatringe in ein schwarzes Loch werfen. Meine abwehrende Haltung. Der nächste Fehler. Das geht natürlich nicht. Kognitive Dissonanzen werden einfach weg gelächelt. Und als der Widerstand gebrochen war, füllte sich das Glas bis fast zum Rand, ungeachtet meiner verzweifelten Proteste.

Bald erschienen die beiden Franzosen. Die wurden natürlich auch sofort mit Wodka und ebenfalls gut gekühltem, georgischen Weißwein versorgt. Der Wein war wie eine Wohltat, weil ich den leichter runter kriegte. Das Saufgelage war eröffnet. Ich war nie ein Fan von hartem Alkohol, aber natürlich schüttete ich den Wodka nicht einfach weg. Das gehört sich nicht und ich möchte niemanden beleidigen. Schließlich ist in solchen Situationen interkulturelles Fingerspitzengefühl gefragt.

Prinzipiell mag ich das ja sehr. Ich würde auch gerne mal nach Georgien fahren. Das ich nicht mehr trinke, wird allerdings etwas zum Hemmnis, weil eine richtige Georgien Erfahrung wahrscheinlich nur mit Wodka zu haben ist. Meinem Traum sich irgendwo total besoffen in einer Holzhütte im sibirischen Wald mit einem anderen Russen aufs Maul zu hauen, rückt somit auch nicht näher. Aber ich dachte mir, das sind so Erfahrungen, die man im Leben mal gemacht haben muss.

Ich hab für mich persönlich an diesem Abend allerdings mal wieder entdecken können, wieso ich auch kleinste Mengen (1,5 Gläser Wodka und ein Glas Wein) Alkohol nicht mehr zu mir nehmen möchte. Wenn ihr Alkohol trinkt, dann wird vermehrt Serotonin in eurem Gehirn ausgeschüttet, was erstmal sehr schön ist, weil man ich locker, gelöst und gut fühlt. Das hab ich schon nach dem ersten Gläschen am Essenstisch festgestellt und war mit zunehmendem Wodka Konsum dann irgendwann auch echt „gut drauf“. Nicht besoffen, aber in sehr guter Stimmung.

Ich hab das diesmal sehr bewusst beobachtet. Was macht der Scheiß eigentlich mit mir? Der Anfang ist gut. Kann man nichts dagegen sagen. Wir schauten uns danach den Sonnenuntergang auf Deck an und irgendwie kam wieder diese unterschwellige Lust hoch, jetzt noch ein kleines Bierchen zu trinken. Nur ein Kleines. Ich kenne dieses Gefühl gut. Hab das gerne zelebriert auf meiner zurückliegenden Reise. Ein kleines Bier führt direkt zum nächsten großen Bier und dann läuft der Abend nach dem Dominoprinzip, bis irgendwann das Bier (in Anwesenheit von Schotten oder Iren) oder die Menschen (wenn Schotten oder Iren fehlen) leer sind. Traurig schöne Sonnenaufgänge, alleine in unbekannten Ländern.

Es sind auch solche Momente, wo man sich selber einredet, dass ein bisschen trinken doch gar nicht so schlecht ist. Aber meine Beobachtung war noch nicht am Ende. Irgendwann war dann Schlafenszeit und meine euphorisierende Stimmung hatte sich nicht gelegt, was zu einer sehr unruhigen und schlaflosen Nacht führte. Und am nächsten Morgen ging es mir bizarr beschissen.

Das mag überzogen klingen, aber ich stelle schon bei 1-2 Bieren fest, dass ich mich am nächsten Tag irgendwie scheiße fühle. Nicht so vital und wach, wie normal. Es ändert einfach etwas in meinem Körper, was nicht nur am Abend des Trinkens auftritt, sondern auch am nächsten Tag weiter wirkt. Es ist natürlich ein Unterschied zwischen „nicht 100% fit sein“ und halbtot auf dem Sofa eines mir unbekannten Hauses aufwachen und die grundsätzliche Körperfunktionalität hinterfragt zu wissen. Für mich ist es schon ein Kater, wenn ich merke, dass der darauf folgende Tag davon beeinflusst wird. Ist es das wert?

Mein lieber Alkohol, es war sehr schön mit dir, aber unsere Beziehung ist zerrüttet. Es ist einfach nicht mehr das Gleiche zwischen uns. Vielleicht werde ich langsam alt. Mir ist meine kostbare Lebenszeit zu wichtig geworden, um mich den Tag danach ungut zu fühlen, nur um ein bisschen Euphorie am Vorabend zu bekommen. Daher trinke ich nur noch aus interkulturellem Pflichtbewusstsein, um ein guter Gast zu sein.

1 Comment

  • HI 🙂

    Vielen lieben Dank für den spannenden Artikel! Georgien kenne ich noch gar nicht und bin auf jeden Fall jetzt auf den Geschmack gekommen 🙂

    Lieben Gruß aus Patagonien!
    Feli

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