Meditation

An der Anmeldung gebe ich meinen Laptop ab, meine Kamera, mein Smartphone, meine Bücher, meine Wertsachen, Schreibutensilien und mein Notizbuch. Für die nächsten zehn Tage werde ich jeden morgen um vier Uhr aufstehen, mich in nobler Stille bewegen, keinen der anderen 60 Teilnehmer ansprechen, anschauen oder berühren. Ich werde keinem Lebewesen etwas zu Leide tun, nicht töten, nicht stehlen, keine Drogen, Alkohol oder Koffein zu mir nehmen und jegliche sexuelle Handlungen unterlassen. Da ich mittlerweile ein alter Schüler bin, muss ich außerdem auf einen komfortablen Schlafplatz verzichten, soll jegliche Variation Selbstunterhaltung und kriege nach 12 Uhr nicht mehr zu essen. Nur noch heißes Wasser mit Zitrone zum Abendtee. Das alles um optimale Bedingungen zu schaffen, damit ich insgesamt mehr 10 Stunden am Tag meditieren kann. Willkommen zum Vipassana Kurs.

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Artikel schreiben soll. Dies ist bereits mein dritter Kurs. Der letzte liegt fast fünf Jahre zurück. Fünf Jahre die ich gebraucht habe, bis ich mich vollständig bereit gefühlt habe, wieder 10 Tage sitzen zu gehen. Ich rede nicht gerne über Meditation. Wahrscheinlich, weil so viele Menschen so wenig davon verstehen und ich mir diesen Teil in meines Leben nicht durch die, sicherlich nicht böse gemeinte, Unwissenheit meiner Mitmenschen verderben lassen wollte. Außerdem wollte ich nie, niemals missionieren gehen mit dieser Sache. Auch jetzt nicht. Ich fühle mich gefestigt genug, um einen Text über dieses Thema zu verfassen.

In meinen ersten Kurs bin ich zufällig geraten. Ich habe damals in Berlin halbtags ein Projekt geleitet, bin gependelt, nebenbei Seminare an Sachsens Schulen gegeben und gleichzeitig meine Bachelor Arbeit geschrieben. Ich war ziemlich ausgebrannt. Eine Freundin erzählte mir von 10 Tagen Schweigen. Ich dachte mir: Dass ist genau das, was ich brauche. Hab mich für einen Kurs über Weihnachten und Sylvester eingeschrieben. Wollte komplett raus. Das es nicht ums Schweigen, sondern um Meditation ging, wusste ich nicht.

Ich hab von Seiten meiner Erziehung keinen Zugang zu spirituellen Themen erhalten und auch jetzt, halte ich mich nicht für einen spirituellen Menschen. Daher war es ein großes Glück für mich, dass ich ohne Plan in diesen Kurs hinein geraten bin, weil ich so, ganz ohne Vorurteile, mit der Technik arbeiten konnte. Auch ein Grund, weshalb ich darüber nicht gerne Rede, weil ich denke, dass andere Menschen genau diese Erfahrung machen sollten. Einen Dhamma-Freund ist in Australien getrampt und wurde dort von einem Assistenzlehrer mitgenommen, der gerade zu einem 10-Tages-Kurs unterwegs war. Hat ihn dann gefragt, ob er mitmachen will. Er hatte auch keine Ahnung von der ganzen Sache, hat einfach „Okay.“ gesagt und es durchgezogen. Ich muss immer Lachen, wenn ich an diese Geschichte denke.

Vipassana ist in erster Linie eine Technik, die religions- oder glaubensunabhängig praktiziert wird. Das Ziel ist, Achtsamkeit und Gleichmut zu entwickeln. Die Realität in euch selbst zu erfahren. So, wie sie ist. Vergänglich. Die Technik arbeitet weder mit Mantras, noch mit Visualisierungen oder anderen Wegen, Körper und Geist zu beeinflussen. Einzig der Atem und die Körperempfindungen stehen im Zentrum. Im Grunde geht es darum, euch selbst zu beobachten, ohne zu reagieren. Ihr seid stummer Zeuge einer vorbehaltlosen Beobachtung.

Die Technik ist aber noch etwas Anderes: Ehrliche und harte Arbeit mit euch selbst. Es steckt keine Magie dahinter. Ihr seid komplett selbst für eure Ergebnisse verantwortlich. Die Arbeit kann euch niemand abnehmen. Glauben und verstehen hilft euch nicht. Ihr müsst den Weg selbst gehen und euch nicht nur die Wegbeschreibung anhören. Ihr bekommt genau das aus dem Kurs heraus, was ihr hineinsteckt. Die Effekte sind jedoch unmittelbar da. Wenn man sich am Ende des Kurses umschaut, dann sind da sehr glücklicher Menschen um einen herum. Wirklich glückliche Menschen, die von innen heraus Strahlen. Ich hab viele ekstatische Zustände und euphorisierende Momente auf meiner Reise hinter mir. Zweifellos großartige Erfahrungen. Aber ganz anders, als das Gefühl von Glück, was ich am Ende eines 10-Tages-Kurses in mir habe. Ich bin der Meinung, dass ist etwas, wofür es sich wirklich lohnt zu Leben.

Dieses Gefühl verliert sich natürlich wieder und ist kein Dauerzustand. Besonders, wenn man nicht praktiziert. Meditation ist für den Geist, was Sport für den Körper ist. Wenn man nicht trainiert, dann bleibt man auch nicht fit. Einfaches Prinzip. Ich bin auch kein ein Musterschüler. Ich habe in den letzten 6 Jahren nicht regelmäßig meditiert. Mein Leben ist nicht immer optimal verlaufen.

Ich kann aber trotzdem sagen, dass ich eine große Veränderung in meinem Leben und vor allem mir selbst beobachten kann. Das hat viele Faktoren. Ganz gewiss. Aber diese Technik ist meine wichtigste Ressource in diesem Prozess. Es wird noch dauern, bis ich Vipassana vollständig in mein Leben integriert habe. Aber das es so kommt, stand für mich nie zur Debatte. Bis dahin gebe ich mein Bestes, scheitere, falle in alte Verhaltensweisen zurück und fange dann wieder von vorne an.

Die Kurse sind komplett kostenlos. Es gibt ca. 180 Zentren auf der ganzen Welt die regelmäßig 10, 20, 30 oder 45-tägige Kurse anbieten. Alle die an den Kursen beteiligt sind, arbeiten freiwillig und ohne materiellen Lohn. Die Assistenzlehrer, Kursmanager, Küchencrew und Center-Management. Die Finanzierung läuft komplett über Spenden der alten Schüler. Wer nicht mindestens einen 10-Tages-Kurs zuende gesessen hat, darf nicht Spenden. Ich finde das ist eine sehr große Qualität. Der wirkliche Wert dieser Meditationstechnik ist nicht mit Geld aufzuwiegen. Für die „Lehre“ wurde daher noch nie Geld genommen.

Früher gab es einen Beitrag für Verpflegung und Unterkunft, aber es wurde beschlossen, die Kurse komplett kostenlos zu machen, um die Reinheit zu bewahren. In den 10 Tagen sollt ihr die Möglichkeit bekommen, wie ein Mönch zu Leben. Die Technik unter optimalen Bedingungen ausprobieren. Und dazu gehört eben auch, dass man von der Wohltätigkeit anderer lebt. Nur so kann man sein eigenes Ego zurückstellen. Wer für Essen und Unterkunft bezahlt, entwickelt automatisch Erwartungen und Ansprüche. ICH habe doch Geld dafür gegeben, deswegen will ICH nun das und das. Verständlich.

In Indien herrschte große Skepsis. Umsonst Essen und Unterkunft? Wo doch so viele Bedürftige Menschen auf der Straße leben? Die werden uns die Bude einrennen! „Die können sehr gerne teilnehmen!“, meinte Goenka, einer der Lehrer, die maßgeblich für die Verbreitung der Technik verantwortlich war, „Aber wenn sie kommen, dann müssen sie auch arbeiten. Jeden Morgen um 4 aufstehen, meditieren, alle Regeln einhalten…..“ Wie wahr, wie wahr.

Ich kann nicht mehr machen, als jedem zu empfehlen es einmal auszuprobieren. 10 Tage investieren und der Technik eine faire Chance geben. Hart und diszipliniert arbeiten und am Ende bewerten, ob es etwas für euch ist. Oder eben nicht. Auch okay. Ich kann nur sagen: Es ist so gut! Es fühlt sich so gut an! Man kann soviel daraus mitnehmen. Ich weiß, dass ich für meine eigenen Gefühle zu 100% selbst verantwortlich bin und mein Leid nicht die Schuld von äußeren Faktoren ist. Diese Gewissheit macht unabhängig und mit dieser Technik kann ich diese Unabhängigkeit leben. Vipassana nennt man auch: Die Kunst zu leben. Der Weg ist lang und mühselig, aber mit jedem kleinen Schritt wird es ein einfacher. Und mit jedem kleinen Schritt wird mein ein bisschen Leben besser.

Infos gibts auf: https://www.dhamma.org

Zur Technik: https://www.dhamma.org/de/about/code

Über Vipassana allgemein: https://www.dhamma.org/de/about/vipassana

2 Comments

  • Hallo Stephan,

    ich kann deine Zoegerlichkeit nachvollziehen, darueber, diesen Artikel zu verfassen oder nicht. Ab und zu erzaehle ich jemandem von dem Kurs und empfehle es weiter, aber meistens Menschen von denen ich glaube das sie es auf die ein oder andere Art und Weise verstehen koennen. Dabei koennte es theoretisch jeder verstehen, insofern er einen der Kurse besuchen wuerde, aber das kann man natuerlich nicht verlangen.
    Jedenfalls hatte ich eine schlechte Erfahrung, als ich nach meinem zweiten Kurs, den ich in Deutschland machte, direkt zu meinen Eltern fuhr. Sie hatten sich im Internet dazu „erkundigt“, hatten einen schlechten Bericht von jemandem gelesen der am vierten Tag abgebrochen hatte und zusammen mit der Information das das ganze komplett kostenlos ist, waren sie davon ueberzeugt das ich gerade von einer zehn taegigen Sekten-Gehirnwaesche komme. Dadurch konnte ich meinen Gleichmut leider nicht lange waren beziehungsweise hatte auch niemanden um direkt darueber zu sprechen.
    Wie gesagt denke ich, dass es eigentlich gut fuer so ziemlich jeden Menschen waere es einmal auszuprobieren. Und du empfielst es hier gut, ohne zu missionieren, wie du auch schreibst.

    Gruesse, Chris

    • Hey Chris,

      danke für deinen Kommentar. Ja, leider gibt es im Internet ein paar „missleading informations“ bezüglich Vipassana. Wobei das mit der Gehirnwäsche durchaus nachvollziehbar ist. Aber wenn man es selber noch nie gemacht hat und dann so einen Erfahrungsbericht liest, dann hat man definitiv ein komplett falsches Bild von der Sache. Ich habe mir auf einer Sektenseite mal einen Vipassanabericht reingezogen und der Verfasser hat da ordentlich Frust abgelassen und ziemlich fadenscheinig argumentiert. Schade, dass du auf solchen Widerstand gestossen bist. Aber ja, deswegen geht man mit so etwas Wertvollem auch nicht ohne weiteres hausieren, weil viele es wohl nicht verstehen, ehe sie selber einen Kurs sitzen.

      Viel Erfolg und Gleichmut!

      Stefan

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.