Drei Tage wach – Trampen durch Kasachstan (1)

Strasse Kasachstan

Es war ein sonniger Tag im schönen Almaty, welcher meine nächste Route einläuten sollte. Es ging 3700 km durch Kasachstan. Den ursprünglichen Plan, durch Zentralasien zu trampen, hatte ich aufgegeben, da die Visas für Usbekistan, Turkmenistan und Tadschikistan insgesamt mehrere hundert Euros gekostet hätten, verbunden mit einem bürokratischen Kraftakt, den ich nach 20 Monaten auf der Straße nicht mehr über mich ergehen lassen wollte. Auch meinen Traum über den Pamyr Highway zu trampen, habe ich aufgegeben. Ein andermal. Es gab einen Plan-B. Einmal quer durch Kaschstan trampen und für 80$ ein Containerschiff nach Aserbaidschan nehmen. Das heißt zwar, ich bezahle für eine weitere Passage, aber alles andere würde mich noch mehr kosten und wäre den Aufwand nicht wert.

In Almaty hab ich relativ schnell einen Transporter abgefangen, der mich fast 500 km nach Tazar mitgenommen hat. Ein guter Lift für den ersten Tag und der Auftakt einer der schnellsten Passagen, die ich je getrampt bin. Ich hatte schon am Anfang ein wolliges zu dieser Route und sollte nicht enttäuscht werden. Kasachstan hat mir das volle Programm geboten. Absolutes Tramphighlight. In Tazar wurde mein Spurt je unterbrochen. Ich musste das Land unterwegs nochmal schnell verlassen.

Beim Grenzübertritt nach Kasachstan gibt es ein On-Arrival Visa für 15 Tage. Ich war schon 5 Tage da und wusste nicht, wielange ich auf mein Aserbaidschan Visa muss. Und ebensowenig, wann denn dieses ominöse Containerschiff ablegen würde. Daher lieber einmal kurz über die Grenze und mir nochmal 15 Tage Visa holen. Zur Grenze musste ich extra nach Süden trampen. Es war kurz vor Sonnenuntergang und ich ärgerte mich über diesen Umweg, der mich insgesamt drei Stunden kosten sollte. War aber eine interessante Erfahrung mit freundlichen Menschen in Uniform.

Die letzten 15 km nahm mich ein Muslim mit, der gerade auf dem Weg zum Fischmarkt war. Wir befanden uns mitten im Ramadan. Heißt: Kein Essen und kein Trinken solange die Sonne am Himmel ist. Er holte wohl Abendessen für die bevorstehende Dämmerung. Kasachstan ist sehr heiß und für mich war es unvorstellbar, wie er den ganzen Tag aushält, ohne etwas zu trinken. Ramadan bedeutet aber auch, dass jeder Gast als Geschenk Gottes angesehen wird. Muslime sind generell super gastfreundlich, wie ich in Syrien und der Türkei schon am eigenen Leib erfahren durfte. Das er mich extra 15 km an die Grenze gefahren hat, obwohl er da nicht hin musste, nahm ich dankend an, da es ihm eine besondere Freude schien, mir zu helfen. Und man will ja auch niemanden vor den Kopf stoßen. Am Ende hat er mir noch 5000 Tenghe (ca. 16€) gegeben, damit ich mir etwas zu essen kaufen kann. Solche Geldgeschenke sind mir überhaupt nicht recht. Ich lehne sie immer ab am Anfang, meine Fahrer bestehen aber darauf und ich lenke dann ein. Aus Höflichkeit. Und weil auch Geben eine Freude sein kann.

An der Grenze bin ich schnell raus und dann wieder rein ins Land. So einen „Border Hop“ hab ich zum ersten mal gemacht. Bei der Ausreise wurde ich gefragt, wo ich hin will. Ich war natürlich ehrlich. Nur eine kurze Runde drehen. Visa erneuern. Die Beamtin hat das mit einem Kopfschütteln quittiert. Ich versuchte unser beider Gesicht zu wahren: „Naja, vielleicht auch nicht Visa erneuern, sondern Kirgistan besuchen?“, untermalt mit einem charmanten Lächeln. Das schien für alle Beteiligten akzeptabel In Kirgistan kam eine intensivere Kontrolle. Waffenschmuggel, Terrorismus? Oder doch nur ein Grund 15 Minuten die Bilder auf meiner Kamera anzuschauen? Der scheißende Junge aus meinem China Artikel kam auf jedenfall gut an bei den Beamten. Wurde dann gleich mal die Kamera herum gereicht und ich war aus dem Schneider.

Nach der offiziellen Einreise in Kirgistan bin ich einmal um das Gebäude gelaufen und hab mich wieder Richtung Kasachstan eingereiht. Ausreise Kirgistan ging relativ problemlos. Der Grenzbeamte hatte allerdings den Stempel verkackt und musste einen Zweiten in meinem Pass machen. Auf der kasachischen Seite hatte ich dann einen sehr netten und högst motivierten Grenzbeamten. Ich dachte erst, es würde evtl. Stress bei der Einreise geben, aber da hatte ich mich getäuscht. Als ich dran kam, war der zuständige Beamte regelrecht begeistert, einen Deutschen zu sehen. Hat mir allerlei Fragen gestellt. Hier verschwamm wieder die Grenze zwischen Interesse und Pflichterfüllung. Zum Glück wollte er nicht meine Kamera sehen, aber der scheißende Junge hätte ihm sicher auch gefallen.

Der ganze Prozess hat dann auch etwas länger gedauert. Hinter mir hatten sich mittlerweile ca. 15 Menschen angesammelt. Da stehst du nun am einzigen Schalter der offen war, in deinem gelben, auffallenden Anzug und hast diese Schlange hinter dir, die so ungeduldig wurde, wie deine Pionierblasen-Fußball-Freunde, die erst zur Halbzeitpause herausgefunden haben, dass die Fußballkneipe nur eine Toilette. Unisex. Im Rücken die Ungeduld und hinter der Scheibe, ungesehen vom Rest der Meute, sitzt der Grenzbeamte und freut sich über deine Existenz. „Very nice to see you! Hope we meet again! Have a nice trip! Enjoy Kazachztan!“ Die Verabschiedung hörte gar nicht mehr auf. Irgendwann war ich dann aber durch und hab schnell das Weite gesucht, bevor mir jemand ans Bein pissen konnte.

Sonnenuntergang Kasachstan

Stadttrampen. Es war bereits dunkel und ich musste irgendwie da durch. Wieder Geld geschenkt bekommen. Irgendwann hab ich mir sogar etwas zu Essen gekauft. Hatte den ganzen Tag mit Trampen und Grenze verbracht und keine Zeit für eine Pause genommen. Vom Laden direkt einen weiteren Transporter abgefangen. Der hatte keine Chance, hat da gerade seine Scheiben geputzt und das lass ich mit natürlich nicht entgehen. So hatte ich meinen ersten 200 km Nachtlift. In die nächste Stadt. Dann ging es ab. Keine Grenze, kein Umweg mehr. Ich nahm Fahrt auf. Und wie.

Trampen in Kasachstan ist generell sehr angenehm und man merkt sofort, dass man in einem Post-Sovjet Land ist. Überall an der Straße stehen Leute und Trampen. Autos halten super schnell an und die jeder versteht den Unterschied zwischen Avtostop und der normalen Mitfahrgelegenheit. Ich hab natürlich Sonderstatus als Ausländer, aber ich mache immer sehr klar, dass ich Avtostop mache und kein Geld gebe. Kann dann jeder selbst entscheiden, ob sie mich einladen wollen. Meistens sagen die Leute dann trotzdem: „Komm! Kein Problem!“ Nachttrampen in Kasachstan ist auch ein besonderes Kapitel. Ich konnte keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht feststellen. Autos halten genauso schnell an. Bißchen weniger Verkehr, aber die Fortbewegung geht genauso gut. Kasachstan ist auf jedenfall mein Lieblingsland bezüglich des Nachttrampens.

Ich kam irgendwann vor einer Polizeikontrolle raus. Die eignen sich immer besonders gut zum Trampen und das sollte mir in dieser Nacht den entscheidenden Vorteil geben. An der Kontrolle standen viele Trucks, meist aus Kirgistan. Daneben eine Meute Taxi-Fahrer, die nur darauf wartete, dass irgendjemand aus dem Verkehr gezogen werden würde und ein Taxi zum nächsten Hotel brauchen würde. Die Taxi-Fahrer und Polizisten schienen sich auch gut zu kennen und in einer sonderbaren Symbiose unter Parasitären Lebensformen zu leben. Wie als würde die Mücke neuerdings eine Zecke auf dem Rücken mitbringen. Es erübrigt sich, zu erwähnen, dass mal wieder ein Fototermin anstand. Wobei die Selfie Kultur etwas unterschiedlich zu China ist. In Kasachstan drängen mich die Leute regelrecht, dass ich ein Foto mit Ihnen mache. Also ich mit Ihnen für meine Erinnerung, nicht weil sie ein Foto mit mir möchten.

Die Nacht verlief gut, zum Morgengrauen hatte ich mehr als 1000 km hinter mir. Die Straße wurde allerdings zusehends leerer und ich verstand langsam, was mit der kasachischen Steppe gemeint war. Hat mich sehr an Argentinien erinnert, nur das hier wirklich NICHTS war und in Argentinien doch noch eine gewisse Zivilisation existiert. Wie auch immer, das erste Auto an diesem Morgen hielt an und nahm mich 400 km nach Norden mit. As easy as making a pie. Gleiches Spiel noch einmal später, das erste Auto hielt an und lud mich ein. Wohin sie fahren? „Aktau.“ „Aktau?“ Ich fiel aus allen Wolken. Da wollte ich hin. Das waren allerdings noch 2200 km. Und so saß ich in meinem Direktlift!

Ich bin schon so viel getrampt und hab genug erlebt, dass ich bei solchen Superlifts etwas vorsichtiger geworden bin. Meine beiden Fahrer hatten eine gut gepflegte Glatze, Stiernacken und sprachen nicht, sondern heizten nur mit 130 km/h durch die grün, grasige Einöde. Ich wusste nicht, ob ich wirklich in diesem Auto bleiben würde. Erster Stop an der Tankstelle. Danach kurzer Plausch und wir aßen etwas zusammen. Die Stimmung wurde besser, die Beiden waren freundlich und danach fühlte ich mich sicherer mit dem Lift. Dann bin ich eingeschlafen. Wir hatten eine andere Route genommen, als die, die ich mir von Google habe geben lassen. Ist okay, dachte ich. Vielleicht ist die Straße einfach Scheiße. Ca. 200km Umweg. Kein Ding. Gegen 18:00 Uhr hat sich dann allerdings bewahrheitet, was ich befürchtet hatte. Ich sollte aussteigen. Irgendwo auf der Umwegstrecke, wo ich ja eh nicht durchtrampen wollte. Ich versteh nicht warum, aber es war anscheinend auch keine Zeit zum diskutieren. Also Rucksack nehmen, raus und die Beiden fahren weiter in meine Richtung.

Normalerweise würde ich mich nun fürchterlich ärgern und schlechte Laune haben, aber da ich diese Situationen schon kenne, nahm ich es gelassen und machte da weiter, wo ich aufgehört hatte. Schlechte Laune bremst nur aus und ist daher zu vermeiden. Der nahe Polizeiposten zwang mich mit ihnen ein Foto zu machen. Der Polizist war übelst zukekokst. Meine Güte. Total hyperaktiv und hat die Nase ständig hochgezogen. Dass das niemandem aufgefallen ist?

Polizei Kasachstan

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