15 000 km durch China trampen (4/5); Der härteste Teil der Tour

Abend China

14.05.2016, 19:03, Shijazhuang

Taktischer Fehler. Wieder sone Situation, wo ich stundenlang drüber abkotzen könnte. Ich bin auf der Hauptverkehrsader, muss nur auf der Straße bleiben. Eigentlich easy. Guter Tag bisher, ich hab einen Run. Dann: Fehlkommunikation mit meinem Fahrer. Er fährt 7km vor der Raststätte ab. Okay, kein Problem. Ich hab meinen Masterplan. Will also direkt am Autobahnkreuz raus. Die 7km laufe ich zur Not. Hauptsache im Verkehrsfluß bleiben. Er will mich aber nicht rauslassen, weil zu gefährlich. Ruft Menschen an, die Englisch können. Lange Diskussion, tausend Lösungen die auch noch gehen würden und am Ende lande ich auf irgendeinem beschissenen Parkplatz in der City, wo kein Verkehr in meine Rictung ist. Worst case. Aus einer sehr guten in eine sehr beschissene Situation kommen. Sowas darf mir echt nicht passieren. Aus reiner Höflichkeit. Nächstes mal steig ich einfach aus. Hätte ich schon bei dem dummen Taxi machen sollen. Genau sowas versaut euch nämlich den Run.

14.05.2016, 19:10

Die zwei lustigen Drei. Scheinen Geschäftsleute zu sein. Fahren nicht in meine Richtung, aber egal. Hauptsache weg hier. Nun muss ich mich zurück auf meinen Weg kämpfen. Ich plane mit einer alternativen Route.

23:40 Uhr, vor Bejing

Bin nicht weit gekommen, dafür wieder in der richtigen Spur. Abendessen gab es vorher auch. Wir haben lange und ausgiebig gegessen. Und es gab Schnaps. Scheint so üblich zu sein, dass sich alle während den großen Essen ordentlich wegschießen. Außer dem Fahrer natürlich. Gab eine Art Wodka, aber hätte auch Gin sein können. Konnte es nicht rausschmecken. Schnaps ist auch überhaupt nicht mein Ding. Hab ein Glas getrunken, danach musste ich beichten, dass ich keinen Alkohol mehr trinke. Minus dem Fahrer blieben nur noch zwei Trinker. Die Flasche war schon offen, also haben die das unter sich geklärt. Kam mir etwas wie bei der Mafia vor. Seperater Raum, ein guter Tropfen, dann dieser üppig gedeckte Tisch und diese Asiaten, die immer betrunkener werden und schön ihr Haar übergekämmt hatten, um die drohende Verhaarlosung zu überdecken. Schöner Abend auf jedenfall!

Geschäftsleute China

Essen China

15.05.2016, 05:46 Uhr, Bejing

Die ganze Nacht durch Bejing gekämpft. 5 Lifts hab ich bis an den ersten Rasthof in meine Richtung klarmachen müssen. Aber geschafft. Dem Opa am Klo hab ich einen Teil meiner Süßigkeiten-Tüte vermacht. Wurde einfach zuviel und niemand hat es angenommen. Er konnte aber nicht nein sagen. Nun gerade einen 1000km Lift gefunden. Läuft. Karma.

10:15 Uhr, Irgendwo

Bin nach Abfahrt erstmal eingeschlafen für vier Stunden. Nun aufgewacht. Sitze in einem Mercedes Jeep. Habe gerade Kaffee und Gebäck bekommen und aus dem Radio läuft Paganini. Willkommen in meinem Tramper Leben.

22:49 Uhr, Harbin

In den letzten 16 Stunden hab ich ca. 1200km gemacht. Kalt hier. Eigentlich hab ich noch 1000km bis zu meinem nächsten Kontrollpúnkt. Aber ich bin sehr müde. Ich glaube ich schlafe nun und fahre Morgen früh zurück Richtung pakistanische Grenze. Übrigens: Ganz schön russisch hier oben und irgendwie reizt es mich auch, dieses kleine Dorf an der Grenze zu erreichen. Aber ich fühle gerade ein starkes Bedürfnis nach Hostel und das hatte ich das letzte mal in Südamerika. Wenn ich mich nach Hostel sehne, dann ist das ein sicheres Zeichen, dass ich ausgebrannt bin. Und ich brauche bestimmt nochmal 7-8 Tage, bis ich da unten bin. 5500 km to go zum nächsten Kontrollpunkt.

Liege übrigens in der Wäscherei des Raststättenhotels. Eine Regel die in China gilt: Türen sind immer offen! Und meistens schläft schon irgendwer dahinter. Daher bin ich da mittlerweile vorsichtig, wo ich überall rein gehe, um Schlafplätze zu finden. Hab gestern und heute schon Menschen im Toilettentrakt aufgeweckt. Der gestern Nacht konnte wunderbar auf zwei Stühlen schlafen, bis ich in den Raum geplatzt bin. Hat mir etwas Leid getan. Nun erstmal ruhen. Hab das Gefühl ich werde hier morgen zeitig geweckt. Daher lasse ich meinen Anzug einfach an. Ist ja sowieso wie meine zweite Haut!

16.05.2016, 05:24 Uhr

Erster Lift. Fährt nicht in meine Richtung, ich steig trotzdem ein. Fahrer meint aber, dass er die ganze Nacht durchgefahren ist und 10 Minuten Pause brauch.

08:32 Uhr

Kurzes Nickerchen für drei Stunden. Hat uns beiden gut getan. Los geht’s.

12:12 Uhr

Obligatorisches Mittagessen. Als Dank dreh ich ihm diese 3kg schwere Packung mit Süßigkeiten an. Läuft gut mit der Gepäckerleichterung.

14:08 Uhr

Ehepaar nimmt mich mit. Ich krieg ne lila Kartoffel zu essen. Sehr lecker. Danach gibt es noch diese Dumplings mit Hackfleisch und Zwiebeln gefüllt. Verabschiedet werde ich mit drei Flaschen Wasser und einem Apfel. Meine Essenstüte füllt sich wieder.

Lila Kartoffel China

18:16 Uhr

Truck gefunden der mich zur nächsten Raste mitnimmt.

18:20 Uhr

Ne, falsch. Auto gefunden was mich 800km weit mitnimmt. Nachlift nach Chengde. Bämerääähng!!!

17.05.2016, 07:48 Uhr

Fahrer kauft mir zum Abschied vier Leib (süße) Brote, drei Flaschen Wasser und Wurst. Das wäre dann wohl mein Proviant für die Wanderung auf der chinesischen Mauer.

12:00 Uhr

Chinesische Reisegesellschaft nimmt mich mit. Hatten mich am Morgen an der Raste angesprochen. Und natürlich ist es Mittagessenzeit. Endlich übersetzt mal jemand, was es gibt. Ich erweitere meine Geschmackserfahrung um Schweineohr und Schweinefüße.

Es folgt mein Aufstieg zur Mauer, den ich in einem anderen Artikel schon beschrieben habe. Am nächsten Morgen ging es wieder auf die Straße.

18.05.2016, 09:38 Uhr

Mein erster Lift nach meinem Unfall. Eines dieser Motos mit Ladefläche. Ich kann hinten Platz nehmen. Wind weht durch mein Haar. Mir wird klar, wie sehr ich diese Art von Lift liebe. Die frische Morgenluft ist so erfrischend wie eine kalte Dusche. Herrlich.

12:33 Uhr

Mein Fahrer spricht Englisch. Ob ich hungrig bin? Unangenehme Frage. Habe den ganzen Tag noch nichts gegessen, aber will auch nicht sagen, dass ich Hunger habe. „Ein bißchen.“, sage ich. Zum Abschied eine Tüte mit Essen, einer Flasche Wasser, eine Dose Milchkaffee (Yammi!), Suppe, Tee und jede Menge Grüntee-Kekse.

15:00 Uhr

Endlich schaffe ich es aus dem bejinger Urbanareal heraus zu kommen. Bringt mich zwar auf die falsche Autobahn, aber drei Flaschen Wasser. Hat den ganzen Kofferraum voller Wasser. Meine Essenstüte ist randvoll.

15:20 Uhr

Ziemlich viel Verkehr, aber nichts in meine Richtung. Ich beschließe auf die nächste Raststätte zu trampen und lande auf einem wenig befahrenen Teilstück. Schwierig. Geht anscheinend immer schlimmer.

16:34 Uhr

Kontaktaufnahme der Jungs von der Tankstelle. Zur Begrüßung bringen sie zwei Flaschen Wasser mit. Hallo!

18:10 Uhr

Verzweiflungslift. Schon wieder. Finde einfach nichts nach Süden auf meine eigentliche Autobahn. Nehme nun stattdessen die alternative Nordroute. Bei 4500 km Wegstrecke ist es dann auch egal, ob ich 100km mehr oder weniger fahren muss.

19:55 Uhr, bei Datong

Wir verpassen meine Raststätte. Einen Moment nicht achtsam. Nun bin ich von der falschen Autobahn auf die richtig falsche Autobahn gekommen. Nur noch raus hier. Solche taktischen Fehler machen mich immer etwas mürrisch.

20:15 Uhr

An der Raste. Die Beifahrerin kommt nochmal zurück. Hat ein schlechtes Gewissen. Fragt ob alles okay ist und ob sie den Leute erklären soll, dass ich hier bin. Bloß nicht! Ich will nur meine Ruhe. Sie geht los und stellt mich vor. Ich habe schon meinen Laptop draußen und will die Mauergeschichte aufschreiben.

20:18 Uhr

Drei chinesische Raststättenmitarbeiterinnen stehen direkt hinter mir und schauen auf meinen Bildschirm. Seit fünf Minuten. Eine zaghafte Hand passiert meine Schulter und fummelt vorsichtig an meinem Notizbuch herum.

20:22 Uhr

Nun ist die ganze Raststätte da. Alle schauen mich an. Manche machen Foto. Ich lächle. Höflich bleiben. Innerlich laufe ich schon Amok.

22:00 Uhr

Ein Typ kommt rein mit Handy Kamera, stellt sich 2m vor mich und hält voll drauf. Macht der gerade ein Video? Ich werd verrückt. Hinter im ein Polizist. Der stellt sich an meinen Tisch. „Do you recognize me?“ Bin ich auf Drogen oder wieso solltest du mir nicht auffallen? Ich geb ihm meinen wunderbaren Zettel. Er fragt wo ich herkomme. Hat also noch nichtmal die erste Zeile gelesen. Der andere filmt immernoch. Muss mich zusammen reissen, damit das hier nicht eskaliert.

Polizei China

22:05 Uhr

Okay, der Polizist ist eigentlich ganz nett. Kann Englisch noch recht jung und interessiert am Reisen, wie viele chinesische Polizisten. Hinter ihm steht wieder die ganze Raststätte. Ich werde immernoch gefilmt. Wie im Zoo.

22:30 Uhr

Einigung. Polizei gibt mir einen Lift auf eine andere Raststätte. Viel bessere Position. Wenigstens mal ein positiver Fortschrittsbericht für heute. Als ich ins Polizeiauto einsteige, wird mir erstmal eine Zigarette angeboten.

22:50 Uhr

Parkendes Auto. Polizeikontrolle. Erstmal mit dem Megafon Anweisungen gegeben. „Stefan du bleibst besser hier im Auto!“ Klaro!

23:03 Uhr

Freundin von meinem Polizisten ruft an. Fünf mal, bis er endlich abhebt. Lässt sich nicht abwimmeln. Videochat. „Schau hier, das ist Stefan.“ „Hallo.“ „Hallo.“ „Und hier sitzt Peter!“ „Hallo Peter!“ „Hallo, wie geht’s?“ Die Beiden reden. Noch einmal Polizeikontrolle. Sie ist immernoch in der Leitung. „Ich muss jetzt los. Ja. Ich muss arbeiten. Ja. Ich muss jetzt wirklich los!“ Lustige Szene.

23:30 Uhr

Auf polizeiliche Anweisung hin, muss ich in der Raststätte schlafen.

19.05.2016, 04:23 Uhr

Frau mit lautem Organ wieder da. Hier wird sowieso die ganze Nacht gearbeitet. Keine Kunden. Ich glaube die bereiten Essen vor.

06:50 Uhr

Aufstehen. Ich kriege Essen angeboten vom Besitzer der Raststätte. Danach eine Zigarette. Ich adde ihn bei WeChat, damit wir kommunizieren können.

Suppe China

19:15 Uhr

Angekommen bei einer Raste nahe Yinchuan. Mein Fahrer meinte irgendwas von unfreundlichen Menschen, Zeitung und Notruf. Die Leute hier sind tatsächlich etwas anders in der Art, wie sie mich Mustern und mir gegenübertreten. Naja. Bin ja bald wieder weg.

19:40 Uhr

Okay, das wird hier ne harte Nuss. Ich bin schön übelst angenervt. Jeder möchte hier Experte sein. Der eine erzählt mir, dass ich in die falsche Richtung fahre. Ein Anderer will Geld. Am schlimmsten ist aber der Typ, der hier die Straße kehrt. Jedesmal wenn ich einen Truck oder ein Auto anspreche, ist er zur stelle und beginnt eine ewig lange Konversation mit dem Fahrer. Verstehe ich nicht, was es da so lange zu besprechen gibt.

20:03 Uhr

Yo, jetzt ist es passiert. Ich werde in ein Auto gesteckt. Nach dem Motto: Bloß weg hier, kann schon nicht falsch fahren, bin ich eingestiegen. Ich mein, die Autobahnkreuzung ist ca. 10 km entfernt. Wenn die in die falsche Richtung fahren, dann geh ich einfach da raus. Hab ich mir gedacht. Bis sie dann in die nächste Ortschaft gefahren sind. Sowas nervt richtig. Jetzt wieder umdrehen und zurück auf die Raste trampen.

20:30 Uhr

Ich bin zurück. Erstmal schlafen zwischendurch. Natürlich wieder auf dem Flachdach, wie sich das gehört. Hab auch keine Lust mehr auf die Raststättengesellschaft.

Schlafplatz China

20.05.2016, 09:00 Uhr, nahe Yingchuan

Aufwachen. Der Raststättengesellschaft hallo sagen. Klarmachen, dass sie mich nicht wieder in ein Auto verfrachten, weil das gestern ziemlich scheiße war. Heute ein neuer „hilfsbereiter“ Mensch dabei. Taxifahrer. Auch immer am Start, wenn ich Leute anspreche. Ich gebe entnervt auf und setze mich in die Tankstelle. Da arbeiten drei junge Chinesen. Ziemlich freundlich. Mit kommunizieren mit google translate.

09:20 Uhr

Endlich weg aus diesem Raststättenmoloch. Polizist nimmt mich zur nächsten Toll Station mit. Da war sogar ne fucking Toll Station VOR der Autobahnkreuzung. Jedes Auto wäre hilfreich gewesen, außer das, was mich mitgenommen hat…..grausam.

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