Traffic Exists. Hitchhiking Possible; (15) Der kanadische Arzt

Mittwoch, 18. Juli 2012 um 22:06 auf Facebook:
Tired. I worked almost 30 hours in the last 2 days. On the way back home is stopped at Michendorf to pick up hitchhikers. Found two in direction south. One of them, Steven, was 57 years old from Canada, first time hitchhiking in his life. They ripped off all his stuff in the night train to Berlin and he was on the way to Frankfurt airport to fly back home to Canada. Without money or anything else, starving, just a backpack with dirty clothes with him. I gave him 200€ and drove Steven to the train station. In Leipzig.

Damals hatte ich noch einen Dienstwagen und habe illegalerweise Tramper mitgenommen. Das hätte mich meinen Job kosten können, war mir aber egal. Das ich Steven an diesem Tag helfen konnte, hat mich außerordentlich glücklich gemacht. Ich bin sogar extra mit ihm zum Geldautomaten gefahren und habe Geld abgehoben. Anschließend hab ich ihm meine Mailadresse und Telefonnummer gegeben und eine gute Reise gewünscht.

Es ging mir nie ums Geld, aber es hat mich schon etwas gewurmt, als ich nichts von ihm gehört hatte. Es vergingen ein paar Monate, bis ich angefangen habe zu recherchieren. Ich wußte, dass er Handchirurg in einer Unfallklinik in Kanada war. Ich wußte von seiner akademischen Karriere. Dass er in Deutschland ein Auslandssemester gemacht hat und um sein Engagement für eine internationale Konferenz der Handchirurgen, wo er viele Freundschaften zu Chirurgen aus anderen Ländern pflegte. Ich hatte leider nur seinen Vornamen, aber einen Arzt mit einer solchen Spezialisierung sollte doch zu finden sein.

So begann meine Recherche. Ich durchforstete Google nach Bildern und stellte alsbald fest, dass Steven wie ein Durchschnittskanadier aussah und ich sein Gesicht nicht von anderen Ärzten mit dem Namen Steven auseinanderhalten konnte. Ich schrieb verschiedene Kliniken an, die auf die Beschreibung passen könnten. Unfallklinik für komplizierte Handgelenkfrakturen, nahe den großen Skigebieten in den kanadischen Rocky Mountains. Wenige antworteten. Eine Klinik gab mir zwar eine Rückmeldung, sie würden das abklären, schrieb mir aber in der zweiten Mail, dass sie mir leider nicht erlaubt wären, Auskunft zu erteilen. War das der Weg zu Steven? Sollte es da eine Spur geben?

Als ich auf meiner Reise durch Kanada kam, erzählte ich diese Geschichte meinen kanadischen Bekanntschaften, um wenigstens die Klinik eingrenzen zu können. Wir kamen zum Ergebnis, dass nur eine Klinik in Calgary hierfür infrage kommen würde. Ich war bereit dort hin zu fahren und persönlich nachzufragen. Ich wollte einfach nur wissen, wieso er sich nicht gemeldet hatte. Vielleicht, weil er den kleinen Zettel mit meinen Kontaktdaten verloren hat? Mir war es ein Bedürfnis, das auf zu klären.

Zur Klinik bin ich letztendlich nie gefahren. Die Geschichte sollte ungelöst im Sande verlaufen. Bis zum Sommer 2017.

Mein Kumpel Alex und ich waren gerade auf einem Vortreffen zum European Hitchgathering in der Altmark. Wir wollten zurück nach Leipzig. Es war gegen Mittag, als wir an einer Tankstelle einen Lift Richtung Magdeburg bekamen. Alex hatte seine Standartfrage, die er den FahrerInnen oft stellte: „Haben sie schon mal jemanden mitgenommen?“ Unser Fahrer meinte: „Ja, aber ich hab da schlechte Erfahrungen.“ Schlechte Erfahrungen? Sowas interessiert mich immer. Wir kamen also ins Gespräch und er erzählte: „Ich wurde da mal übers Ohr gehauen.“ „Wie denn?“ „Ich hab da mal einen mitgenommen und ihm Geld gegeben.“ Meine Ohren waren gespitzt. „Von wo nach wo mitgenommen?“ „Von Hamburg nach Berlin.“ „Was war das für ein Typ?“ „Irgendsoein kanadischer Arzt. Ich hab sogar seinen Namen. Der wurde ausgeraubt und stieg bei mir ins Auto. Sehr netter, höflicher Mensch. Der hat mir seine ganze Lebensgeschichte erzählt, mit allen Details zu seinem Haus in den Rocky Mountains, seiner Arbeit und seiner Familie.“ „War das ein Handchirurg?“ „Ja, woher weißt du das?“ In dem Moment drehte sich Alex um und schaute mich erwartungsvoll an: „Kennst du den oder wie?“

In der Tat. Unser Fahrer erzählte uns im folgenden die ganze Geschichte und sie kam mir sehr bekannt vor. Kanadischer Arzt, ausgeraubt, trampt mit ihm, spricht gebrochen deutsch, wirkt aber sehr vertrauensvoll und am Ende hat er ihm 70€ gegeben. Das Geld, was er gerade noch in seinem Geldbeutel hatte. „Das verrückte war ja, er hat nie nach Geld gefragt! Ich hab ihm das von mir aus gegeben.“ Genauso wie ich, dachte ich mir. Nur mit dem Unterschied, dass ich extra noch an den Geldautomaten ran gefahren bin und ihm nochmal extra was drauf gepackt habe. Auch unser Fahrer konnte danach nicht glauben, dass Steven (oder wie auch immer er heißen mag) gelogen hätte. Auch er hat nach ihm im Internet recherchiert. Auch er hat versucht in über verschiedene Wege ausfindig zu machen. Das ganze passierte „vor ungefähr 5- Jahren“. Also zur gleichen Zeit, als ich auch ihn mitgenommen habe.

Es ist eine verrückte Geschichte und ein großer Zufall, dass ich mit einem Menschen getrampt bin, der denselben Typen mitgenommen und auf denselben Typen reingefallen ist, wie ich. Als ich ihn mitnahm, hat er erzählt, dass er im Zug von München nach Berlin ausgeraubt wurde und auf dem Weg nach Frankfurt ist, um dort seinen Flug zu kriegen. Er hatte, laut eigener Aussage, keinen Reisepass und kein Geld mehr, ist noch nie getrampt, sein 80 jähriger Vater ist gerade tausend Kilometer durch Kanada gefahren, um die nötigen Dokumente für ihn zu besorgen, damit er wieder zurück fliegen kann. Das alles war so echt und detailliert erzählt, dass man es glauben musste. Ich dachte mir nur: Der kann kaum Deutsch, ist noch nie getrampt, ein gestandener, zurückhaltender Mann. Das schafft der nie! Ich geb ihm Geld für den Zug und ein Hotelzimmer, dass er sicher wieder nach Hause kommt.

Und ich würde das jederzeit wieder tun. Ich trauere dem Geld nicht hinterher. Das schlimmste war für mich (wie auch für unseren Fahrer aus der Altmark): Ich konnte und wollte nicht glauben, dass ich mich so dermaßen in einem Menschen täuschen würde und der Typ wirklich ein Betrüger war. Obgleich die Anzeichen dafür schon lange existierten. Steven meinte, er hätte sich bei der Bundespolizei in Potsdam gemeldet und wegen dem Raub eine Anzeige gemacht. Er schilderte mir noch im Detail, wie grob ihn die Beamten behandelt hätten. Wir haben daraufhin eine Recherche gemacht und herausgefunden, dass niemals an dem Tag eine Anzeige bei der Bundespolizei einging und dass wohl Betrüger mit dieser Masche unterwegs seien. Aber selbst da konnte ich es nicht glauben. Steven wirkte so authentisch und freundlich. Und er hat nie nach Geld gefragt.

Es gibt immer wieder Geschichten, dass beim Trampen etwas negatives vorgefallen ist. Aber das ist nicht die Regel. Man kann im Leben immer an einen falschen Menschen geraten. Egal, wo man hin geht. Das sollte aber nicht auf Trampen generell bezogen sein. Steven war einer aus tausend. 0,1%. Die anderen 99,9% der Tramper sind durfte Typen. Ich kenn sie fast alle! Die nächsten 999 werden gute Bekanntschaften werden und wenn jemand in Not ist, dann helfe ich auf jedenfall wieder.

Vielleicht hat diese Geschichte auch etwas positives. Sowohl ich als auch unser Fahrer waren recht zufrieden, dass sich das nun aufgeklärt hat. „Da hab ich wenigstens was zu erzählen, wenn ich nach Hause komme. Das werden die mir nie glauben!“, meinte er. Und auch ich hab jetzt Gewissheit. Ich kann das abhaken.

Allerdings kommen nun neue Fragen: Wer warst du, Steven? Und wieso bist du durch Deutschland getrampt und hast dich von ahnungslosen Menschen beschenken lassen? War das Spaß? Brauchtest du wirklich Geld? Oder war das eine alternative Urlaubsform? Was hat dich dazu getrieben? Und woher konntest du so gute Lügengeschichten erzählen?

Vielleicht wird sich auch dies irgendwann aufklären. Und die Geschichte war letztendlich ihr Geld wert. Wahrscheinlich ist das eher nicht. Wenn ihr was wisst, dann teilt es gerne mit mir. Ich bin auf jedenfall neugierig.

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