Trainhopping – Die Jungs aus der Gondola

Ma Boyz 2
Ma Boyz 2

Mein Tag war recht ereignisreich. Um 5:12 Uhr morgens von der Polizeisirene geweckt. Das Meditationszentrum wird evakuiert wegen Waldbrand. Wir waren vorbereitet. Ich hatte einen Lift mit Rusty in seinem Asche bedeckten Toyota. Rusty hatte ich beim Meditieren kennengelernt. Er sah aus wie der Junge Mark Twain und reiste mit seinem Auto seit einigen Monaten durch die Staaten. Rfoad trip. Er nahm mich 400km nach Norden mit. Lag auf seinem Weg. Er musste zu einer Gerichtsverhandlung in Idaho wegen Cannabisbesitzes.

Wir gingen noch zusammen Pizza Essen und schauten uns ein Football Game der Dallas Cowboys an, bevor er mich zu den Gleisen fuhr, wo ich einen Zug hoppen wollte. Es war bereits 22:00 Uhr Sonntag Abend. Ich hatte keine großen Erwartungen, da Sonntags kaum Züge fahren und stellte mich auf eine lange, kalte Nacht ein. Der Yard war bekannt für seinen Bull und daher zog ich es vor mich Nachts zu Bewegen. Ich machte es mir auf einem der abgestellten Wagons gemütlich und rauchte eine Zigarette.

Zu meiner Verwunderung kam nach ca. 30 Minuten ein Zug. Völligst überrascht packte ich rasch meine Sachen. Das Adrenalin stieg. Dies sollte das Erste mal sein, dass ich alleine und ohne Hilfe ein Car finde. Der Zug war lang und hatte fast ausschließlich Pig Trailers. Schlecht zum aufspringen, aber ich hatte es sowieso auf die End-Unit abgesehen. Die Lok am Ende des Zuges. Bevor ich meine Trainhopping Karriere vorzeitig beende, wollte ich auf jedenfall nochmal in einer Unit mitfahren. Ich lief also Richtung Ende. Das hat ca. 5 Minuten gedauert. War ein langer Zug. Und zu meiner Überraschung gab es keine End-Unit. Mist, also schnell zurück und was anderes finden.

Während ich noch suchte, rollte ein zweiter Zug ein. Auch in meine Richtung. Das war alles sehr aufregend. Erst dachte ich, da kommt ein Auto. Dann sah ich den Zug. Ich musste mich gut verstecken, als dieser vorbei fuhr. Der Zug hielt an, aber weit weg von mir. Er hatte wohl Priorität. Mit einem langen Crew Change konnte ich ihn vielleicht noch erreichen. Also lief ich zurück. Wieder 5 Minuten. Es gab ein paar offene Box Cars. Ich wollte schon immer mal in einem Box Car fahren, aber die waren am falschen Zug dran. Also weiterlaufen. Ich wollte den Priority Train kriegen!

Irgendwann erreichte ich endlich den anderen Zug und konnte mich zwischen den Wagons verstecken. Gute Deckung. Niemand wird mich hier sehen. Die meisten Wagons waren nicht zum mitfahren geeignet. Es war schwer etwas zu finden. Plötzlich hörte ich knirschenden Schotter. Bahnarbeiter! Die inspizieren anscheinend den Zug. Ich blieb wie angewurzelt stehen. Mir ging ordentlich die Muffe. Wenn die mich finden, dann krieg ich ein Problem. Ich musste eins mit der Dunkelheit werden. Ganz ruhig stand ich zwischen den Wagons und versuchte nicht zu atmen. Ich hörte weiteres Knirschen. Stimmen. Irgendwer unterhielt sich hier. Aber das kam nicht von den Gleisen……

Vor mir war eine Gondola. Wunderschöner Wagon. Die Stimmen mussten da herauskommen. Kann sich nur um andere Trainhopper handeln! Ich kletterte vorsichtig über den Rand und schaute ins Innere. Da waren ein paar Jungs drin! Drei Hobos, die aussahen, als kommen sie gerade von einer Steam-Punk-Convention. Dazwischen ein 50 Pfund schwerer „Welpe“, von der Größe eines Jungkalbs. Die waren natürlich sichtlich geschockt, als plötzlich jemand über den Rand des Wagons schaute. Ich blieb ganz ruhig. „Ey Jungs, habt ihr Platz für mich?“. Allgegenwärtige Erleichterung. Sofort kam einer der Drei angelaufen, um mit meinen Gepäck zu helfen. Als ich in der Gondola war, kam das erste Kommando von seinem Kollegen „Down!“. Sofort runter. Afety first.

Heavy load in der Gondola.
Heavy load in der Gondola.

Wir quatschten etwas. Die Drei hingen seit einer Woche in dem Ort fest und haben auf einen Zug gewartet. Keine Ahnung wie da eine Woche kein Zug durchkommen sollte (UP läuft täglich durch dieses Kaff, aber irgendwie haben die es nicht geschafft dort rauszukommen. Ich gab ihnen Zigaretten und sie teilten ihr Bier mit mir. Es gab was zu Kiffen und die Fahrt versprach lustig (und kalt) zu werden. Gondolas sind generell die besten Wagons für eine gepflegte Party auf dem Zug.

Ich kann mich an keinen Namen mehr erinnern. Aber ich weiß, dass mindestens einer der Jungs schon im Knast saß wegen Trainhopping und ein ernstes Problem bekommen sollte, wenn er nochmal gefasst werden sollte. Zum Glück hatten sie ein Handy und wir konnten die Wagons um uns herum checken. Leider kamen nur sinnlose Richtungen heraus. Nagut. Geht ja nur nach Norden von hier. Hoffen wir einfach mal, dass alles gut geht. Wir platzierten uns auf der Ladung der Gondola. Es waren Betonplatten. Sitzt niemals zwischen Ladung und Wand! Wenn die Ladung rutscht, dann seid ihr Brei.

Der Zug startete. Diese Nacht war wohl die brutalste Anfahrt, welche ich bisher erleben sollte. Man konnte die krachenden Kupplungen vom vorderen Ende des Zuges hören, noch ehe wir uns in irgendeiner Weise bewegten. klack, Klack, KLack, KLAck, KLACk, KLACK. Dieses markerschütternde Geräusch, dass immer näher kam, bis es letztendlich unsere Gondola losriss. Es knallte, wie bei einer Explosion. Ruckartig setzten wir uns in. Eine krasse Erfahrung. Züge sind brutal.

Die Nacht versprach wieder einen schönen Sternenhimmel. Ich machte mir nicht die Mühe über den Rand des Wagons zu schauen. Meine Begeisterung für Landschaft war an diesem Abend nicht sehr groß. Lieber die Fahrt einigermaßen gut hinter mich bringen. Schlafsack und Isomatte rausgeholt. Aus meinem Pappkarton eine wärmende Schale für meine Füße gebaut. Und dann nur noch dick einpacken gegen den kalten, stetigen Fahrtwind. Die Gondola wurde mitunter in heftige Schwingungen versetzt. Hin und Her, Vor und Zurück, so grobschlächtig wie ein Oger, der gerade ein Baby in den Schlaf wiegen möchte. Die Fahrt war nicht wirklich entspannend.

Irgendwann kam einer der Jungs an meine Schulter. Ob ich noch eine Zigarette hätte? Er hat auch was zum tauschen. „Klar!“, meinte ich. Ich gab ihm die Zigarette und er gab mir etwas flaches, plattes in die Hand. „Was ist das?“ „Acoin.“ Ich verstand nichts. „Is this LSD? Drugs?“, ich dachte er steckt mir jetzt einen Trip zu. Keine Ahnung wieso. Vielleicht war hier auch der Wunsch Vater des Gedanken. „No, a coin!“ „What is this?“ „It is an old Gipsy currency, not used so much anymore.“ Es war eine Art Münze. Alte Hobo-Währung. Das fand ich ziemlich stylisch. Hab mich sehr darüber gefreut. Subkultur live. Ich mag die Hobos und ihre alternative Gesellschaft.

A coin
A coin

Irgendwann gegen Morgengrauen, ich hatte anscheinend tatsächlich irgendwie geschlafen in diesem eiskalten-Wind-Gewackel, tippte es auf meine Schulter. „Dude, we are at our destination. We packed our stuff already. Next stop will be Portland. Just stay on the train.“ Die Drei waren ready to go. Ich gab noch ne Runde Zigaretten, fragte ob ich ein Foto machen dürfte. Der Zug hielt etwas ruppig an. Der Stress begann. Schnell alle runter! Die Air-Break zischte. Es war noch Druck auf den Schläuchen! Ein sicheres Zeichen, dass wir gleich weiter rollen.

Der arme Hund, er saß schon die ganze Fahrt so verunsichert herum, fing an zu heulen. „Quiet!“, es gab einen Klapps vom Besitzer. Der Hund wurde auf den Rand des Wagons gewuchtet und sprang die 4 Meter nach unten. Im selben Moment startete der Zug wieder durch. Es gab eine kräftigen Ruck in der Gondola. Der letzte meiner Hobo-Freunde saß noch auf der Kante und musste sich festhalten, um nicht runterzufallen. Jungs jungs, was macht ihr hier nur? Gefährliche Aktion. Dann waren sie weg. Ich kramte mein Pack zusammen und suchte Deckung. Wir rollten in den Yard und blieben erstmal stehen. Crew Change. Ich spähte vorsichtig über die Kante, um mein Umfeld zu observieren.

Zwei Stunden wartete ich, bis mir klar wurde, dass wir doch nicht auf den Hauptgleisen, sondern mitten im Yard standen. Mein Zug sollte wohl nicht so schnell weiterziehen. Scheiße. Es war helllichter Tag und ich musste irgendwie hier runter. Bis zur nahe gelegenen Straße waren es ca. 150m und dazwischen standen vier Züge. Einer davon gerade eingerollt. Der würde gleich weiterfahren. Alles war voll mit Bahnarbeitern, die mit ihren Kränen und Autos herumfuhren. Und der Yard-Bull natürlich.

Ich kletterte aus meinem Wagon. Das sollte ein Spießrutenlauf werden. Sprint zum ersten Zug. Über den Wagon klettern. Ausschau halten nach Bewegung in Yard. Auf den nächsten Zug drauf. Da kam ein Auto. Scheiße. Hoffentlich haben die mich nicht gesehen. Schnell an die Seite des Wagons, um Schutz vor dem Auto zu suchen. Es fuhr vorbei. Irgendwann war ich auf dem vorletzten Zug. Nur noch der Zug auf den Hauptgleisen vor mir. Eigentlich klettert man nicht über Züge, sondern läuft drum herum. Und schon gar nicht klettert man über Züge, die jeden Moment weiterfahren. Aber ich war hier mitten im Yard, stand zwischen zwei Wagons ohne große Deckung und MUSSTE hier einfach so schnell wie möglich raus. Der Zug bewegte sich nicht. Ich wartete 2-3 Minuten. Beobachtete den Stahlriesen. Dann entschied ich mich für einen Go.

Rennen zum Zug. Kurz lauschen. Keine Air-Break zu hören. Raufklettern. So schnell wie möglich an die andere Seite kommen. Hoffentlich rollt der jetzt nicht los! Absprung. Nur noch die Straße vor mir. Erstmal ins erste Gebüsch geworfen und verschnauft. Was ein aufregender Morgen. Ich hätte nicht mit so einer Yard-Flucht gerechnet. Normalerweise springt man ab, bevor man in den Yards endet.. Zum Glück hat mich niemand gesehen. Jeder kleine Konflikt mit dem Gesetz hätte mir meinen Visa-Antrag versauen können. Ich beschloss ab hier zu trampen und (vorerst) keine weiteren Züge zu hoppen. Genug erlebt. Genug gelernt.

Ma Boyz
Ma Boyz

Trainhopping werde ich vermissen. Ich hab mich niemals mehr in Amerika gefühlt, als in der Zeit auf den Zügen. Es ist überhaupt nicht mit Trampen vergleichbar. Eine ganz andere Technik. Ein ganz anderes Gefühl. Ganz andere Welt. Die bisher aufregendste Zeit meiner Reise. Ich komme wieder! Nächstes mal besser vorbereitet. Mit technischen Equipment und dem aktuellsten Crew Change Guide. Besserem Schlafsack. Bereit für die schönsten Routen von Nordamerika. Bereit die Show um mich herum zu geniessen, während ich auf Stahlriesen durch Amerika surfe! In diesem Sinne: Highball!

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