Ab ins Darien Gap – Jungle-Fever

Darien Gap nahe Carpurgana
Darien Gap nahe Carpurgana

Die Speedboat Station in Turbo war so voll wie die Metro in Tokio zur Rush Hour. Dichtes Gedrängel. Ich war pünktlich um 8:30 Uhr vor Ort und natürlich gab es noch keinerlei Anzeichen, dass hier gleich irgendwas ablegen würde. Ich kaufte mir also erstmal ein paar Käse-Schinken Röllchen, einen Kaffee und beschloss eine Zigarette zu rauchen. Die Kolumbianer sind nicht so die Raucher. Meine morgendliche Luftverpestung wurde sogleich mit theatralischem Scheinhusten und bösen Blicken quittiert.

Speedboat fahren, endlich mal wieder

Bootstation in Turbo
Bootstation in Turbo

Nach ca. einer Stunde ging das „Boarding“ los. Dichtes Gedrängel. Für 1000 Pesos (ca. 30 Cent) habe ich mir noch einen schwarzen Müllsack geleistet, mit dem ich meinen Rucksack verpackte. Mein Name wurde aufgerufen, ich betrat die Zustiegszone. Beim Einpacken kam mir ein freundlicher Angestellter zu Hilfe. Sie nahmen meinen Rucksack, wogen ihn und wollten dann auf einmal 10.000 Pesos haben. Ich fragte, wieso? Na, weil der schwerer als 10 Kilo sei. Zum Glück war ich schon im Boot. Meine kolumbianischen Sitznachbarn, gaben mir zu erkennen, dass hier nichts extra bezahlt wird. „No hay plata! no hay plata!“ (Es gibt kein Geld!). Ich hatte schon fast meinen Geldbeutel in der Hand, nahm aber dann unauffällig die Arme runter. Mein Rucksack war schon verladen (so hoffte ich zumindest) und die Forderung nach weiterem Geld ignorierte ich einfach. Hat funktioniert. Tourifalle entkommen. Verdammte Abzockerei überall….ich sags euch.

Das Boot war ähnlich beschaffen, wie der Kahn mit dem ich von Trinitad nach Venezuela gefahren bin. Nur besser ausgestattet. Mit gepolsterten Bänken, Rückenlehnen und drei Outboard-Motoren, die richtige Monster waren. Da Fahrt war aber ähnlich unangenehm. Ständiges auf und ab springen über die Wellen. Immer wieder ist der Rumpf des Bootes auf das Wasser geklatscht. Einziger Unterschied hier, dass jeder harte Aufprall von den Kolumbianern mit Schreien, Lachen und Applaus gefeiert wurde. Hier fuhren alle in den Urlaub. In Venezuelaner alle nach Hause.

In Carpugana angekommen, war ich nun endlich mitten im Darien Gap. Von hier aus gab es drei weitere Ortschaften: Sabzurro, La Miel und letztendlich Puerto Obaldia. Zwischen Sabzurro und La Miel war die offizielle Grenze zwischen Panama und Kolumbien. Die Immigrations waren allerdings in Carpugana (Kolumbien) und Puerto Obaldia (Panama), was bedeutete, dass man sich erstmal auschecken muss, bevor man überhaupt weiter konnte. Das hab ich natürlich vergessen. Zielstrebig bin ich vom Boot in den erstbesten Shop gelaufen, habe mich mit Wasser eingedeckt, eine Sprite getrunken und bin Richtung Dschungelpfad gelaufen. Irgendwann schon halb im Dschungel ist mir der Stempel eingefallen. Also wieder zurück und ab zur Immigration. Danach konnte es aber losgehen.

Durch das Darien Gap laufen

Mein Plan war also nach Puerto Obaldia zu laufen. Ich wusste, zwischen dem Ersten und Zweiten Dorf waren es 2-3 Stunden, dann nochmal 30 Minuten über die Grenze nach La Miel (erstes Dorf Panama) und dann nochmal mehrere Stunden nach Puerto Obaldia, wobei der letzte Teil am unklarsten war. Wollte ich sowieso erst am nächsten Tag machen. Also erstmal los. Der Pfad war gut ausgebaut, es gab sogar Schilder, nur es war recht matschig. Und ich fand mich recht bald mitten im Dschungel wieder. Dschungel, unglaublich Feucht, sehr heiß und steil bergauf. Ich hatte noch lange Hosen an, die komplett nass waren, ehe ich die Hälfte des ersten Berges erklommen hatte. Dschungel ist nichts anderes, als eine riesige Bio-Saune. Diese kleine Wanderung hat mich sehr gefordert.

Darien Gap nahe Carpurgana
Darien Gap nahe Carpurgana. Endlich wieder am Strand angekommen.

Ausgeschildert waren 30 Minuten am Ortsausgang. Es musste ein Berg überwunden werden. Auf der Bergspitze waren es auf einmal nur noch 40 Minuten, bis zum nächsten Ort. Okay. Da waren sich wohl jemand nicht einig. Ich hab auf jedenfall eine Stunde gebraucht. Musste danach erstmal im Meer baden, mein T-Shirt ausziehen und auf kurze Hosen umsteigen. Danach war alles etwas erträglicher. Noch einen Fisch zum Mittag gegessen und dann weiter nach La Miel. Weiter nach Panama. Der Weg dorthin war recht unspannend. Viele anstrengende Treppenstufen hoch und viele anstrengende Treppenstufen wieder runter. Kurzer Plausch mit einem der insgesamt drei Militärposten, Vergewisserung das ich wieder komme (was ich natürlich nicht vor hatte) und schon war ich in Panama, Juchee! Oh wie schön ist Panama!

Naja geht so. La Miel war nicht ganz so schön wie gedacht und jeder Schritt wurde vom Militär kontrolliert. Meine Frage nach dem Weg nach Puerto Obaldia quittierten sie kurz und knapp mit „No hay, no hay “ (Gibts nicht). Natürlich gab es den! Zwei Stunden Fußmarsch sagte mir ein Einheimischer. Für mich dann wahrscheinlich 4-5 Stunden. Das Militär war aber auch so zu verstehen, dass sie mich nicht durch den Dschungel laufen sehen wollten.

Da kommt ein Boot, oho!

Ich erkundete erstmal die Gegend. La Miel hatte noch einen Duty Free Shop, in dem es vorallem billigen Whisky gab. Ich war schon fast auf dem Weg zum nächsten Strand, um dort mein Zelt aufzuschlagen, als ich plötzlich ein Cargo Boot entdeckte. Sollte ich sofort wieder trampen, oder vielleicht doch erstmal in diesem Paradies entspannen? Natürlich sofort wieder trampen! Wenn es eine Möglichkeit zur Bewegung gibt, dann kann ich die nicht davon ziehen lassen!

Es war ein rostiges, kleines Cargo Boot mit mindestens 10 Crew-Mitgliedern an Bord. Ich fragte wer der Kapitän sei. Ein junger Mensch zeigte ihn mir. Wo sie hinfahren? Nach Colon. Oh mein Gott. Colon, das war ja nochmal doppelt so weit, wie ich fahren musste, um zur ersten Straße zu kommen. Ob sie mich mitnehmen können? Der Kapitän sprach sehr schnell. Ich verstand natürlich kein Wort. Nur das wir morgen früh reden und ich die Erlaubnis des Militärs brauche. Nichts leichter als das. Ich quatschte noch mit meiner jungen Kontaktperson, er versicherte mir, dass der Kapitän mich in den nächsten Ort zur Immigration mitnehmen würde.

Boot Darien Gap
Mein Boot ist da!?! Oder doch nicht?

Ich hab dann mit dem Sekretariat vom Militär geredet. Da gab es erstmal keine Probleme. Sie fragten mich, ob ich den Ausreisestempel hätte, klaro, ob ich 500$ hätte? 500…was? Nein. Kein Geld. Ich bezahl hier nichts. Achso, die brauch ich für die Einreise. In bar? Natürlich hatte ich das Geld nicht und wer ist bitteschön so dumm und läuft mit 500$ durch die Gegend?

Militärgespräche

Tja, und dann ging der Spaß los. Da Soldaten nicht selbst denken dürfen ging er erstmal beim Kommandeur fragen. Natürlich entsprach das alles nicht den Regeln und daher dürfte ich nicht ausreisen. Aber ich hab das Geld, nur nicht in bar. Ich brauch nur Internet, um das zu prüfen. Nein, das geht wohl nicht. Kein Geld, keine Weiterreise. Ich müsste zurück nach Kolumbien laufen und dort Geld abheben. Das war natürlich ein Dilemma, weil da ein möglicher Lift stand. Und das Schlimmste was man mir antun kann ist, eine Transportmöglichkeit zu sabotieren. Daher gab ich nicht kampflos auf.

Ich wusste von Freunden, dass der Kommandeur ein ganz umgänglicher Typ sein sollte und seine Soldaten manchmal etwas blöd und unfähig. Also lief ich direkt ins Kommando-Zelt, fand ihn in seiner Hängematte sitzend vor und erläuterte ihm die Situation. Er hatte Verständnis, meinte aber irgendwas von: „Du kannst da schon hin, nur nicht von diesem Ort.“ Ich fragte dann etwas blöd, ob es denn möglich sei. Er meinte nur nuschelnd….ja. Das war wohl das inoffizielle Zeichen, dass wir nun die Regeln brechen. Ich ging wieder zu seinen Soldaten, erklärte selbstsicher und triumphierend, dass ich fahren darf. Der Kommandeur kam nach, erklärte es auch nochmal und schon hatte ich meine offizielle Ausreisegenehmigung.

Nächster Schritt, Rücksprache mit dem Kapitän, Er schien kein Problem zu haben, meinte nur morgen früh, morgen früh. Das sind sichere Anzeichen dafür, dass nicht alles in trockenen Tüchern ist. Aber was sollte ich machen. Schlafen musste/durfte ich sowieso neben dem Sekretariat des Kommandeurs.

Wo ist Walter?

Vor dem Sandmännchen machte ich noch einen Ausflug zum gegenüberliegenden Strand. La Miel hat zwei Strände. Einen mit dem Duty Free und einen mit Müll. Und zwei Häuser. Eines davon gehört Jimmy, einem Amerikaner. Das andere Haus gehört Walter, einem Kolumbianer, der dort etwas aufbauen will. Jimmy war nicht da (ich kannte das, weil zwei Bekannte dort ein paar Woche gewohnt hatten), aber dafür Walter.

Ich soll euch alle sehr lieb von Walter grüßen und hab ihm versprochen ihn hier zu erwähnen. Walter lebt dort an diesem Strand mit zwei Katzen, einem Hund und einem selbst gegrabenen Fischteich mit 13 Inseln, die jeweils von 1-3 Palmen besiedelt sind. Sieht aus wie ein kleiner Sumpf. Dieses Monstrum hat er eigenhändig mit einer Schaufel ausgehoben. Daneben gibt es noch ein Pferd und allerlei angefangener Projekte.

Ich hing lange bei Walter in der Hängematte rum und wir haben uns unterhalten. Irgendwann hat er Rum rausgeholt (gut zum rumhängen), eine Kokosnuß aufgemacht (davon hat er auch sehr viele), sich fast den Finger mit der Machete abgehakt, überall sein Blut hingeschmiert und einen Cocktail mit frischer Kokosnußmilch gezaubert. Die Sonne ging langsam unter und es gab noch ein paar gebratene Bananen, mit Thunfisch, Mayo und Ketchup. Das klingt komisch, war aber recht lecker.

Relaxen bei Walter in der Hängematte
Relaxen bei Walter in der Hängematte

Walter ist ein herzensguter Mensch und ich soll der Welt mitteilen, dass er sich über Besuch freut, viel Platz und Nächstenliebe hat und ein einsame Dasein am Ende der Welt führt. Ich denke er nimmt gerne Gäste auf, will dafür auch kein Geld und wenn ihr mehr wissen wollt, dann schreibt mich an. Ich hab ihm das versprochen und vielleicht fahr ich ihn selbst irgendwann nochmal besuchen. Und ganz ehrlich Leute: Der Junge verdient eine Frau. Ist ein echt dufter und umsorgender Typ.

Diese Ecke der Welt, im Darien Gap, ist auf jedenfall sehr abgelegen und schön. Keine Autos, dafür aber dröhnende Bässe in allen Ortschaften. Keine Ahnung, ob da mal irgendwann ein Vertreter für Bass-Systeme durchgefahren ist und jedem zweiten Haus eine überdimensionierte Anlage aufgeschwatzt hat. Aber jedes Dorf scheint da mindestens ein Soundsystem für die Beschallung von 5000 Personen zu haben, was den ganzen Tag voll aufgedreht läuft und 10-20 Dorfbewohnern davor sitzen, Bier trinken und ihre Karibikmusik hören.

Hat was, wenn man nicht direkt daneben schlafen muss. Das musste ich aber auf meinem Zwangscampingplatz neben dem Militär. Schlafen war schwierig. Aber: Am nächsten Morgen legte das Cargo-Boot ab. Soviel war klar. Sechs Uhr wollte ich auf der Matte stehen, um das nicht zu verpassen. Da ich keinen Wecker hatte, musste ich also irgendwann vor Sechs aufwachen und meine Sachen pachen, um dann meinen Lift klar zu machen. Der war nämlich alles andere als sicher.…..

2 Comments

  • Was für coole Geschichten. Weiss nicht, ob ich schon mal in einem blog 20 seiten am stück gelesen habe, aber du hast mich gerade fast zwei stunden gefesselt. Zum glück sitze ich gerade im bus in richtung strand und habe zeit .
    Wünsche weiterhin frohes Trampen und werde mal wieder vorbeischauen. Achja, ein bisschen was gelernt habe ich bei dir auch.

    Lg, chris

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